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"Das kann nur ein Irrtum sein"

Trier. Es hätte nicht viel gefehlt, da hätte Dieter Lintz es Marcel Reich-Ranicki gleichgetan und den Preis nicht angenommen. Orden und Karnevals-Ehrungen - damit hat der Leitende TV-Redakteur nicht viel am Hut. "Aber der Weissebach-Preis ist Ehrensache." Und den hat die Prinzenzunft der Stadt Trier am Sonntag zum 26. Mal verliehen - an einen würdigen Weissebach-Nachfolger. Cordula Fischer

Trier. 2008 hat Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki einen überraschenden Auftritt hingelegt, als er den Deutschen Fernsehpreis abgelehnt hat. Zu einem ähnlichen Eklat hat es TV-Redakteur Dieter Lintz nicht kommen lassen, gleichwohl er gedacht habe, "das kann nur ein Irrtum sein", als der Verein Prinzenzunft der Stadt Trier ihn zum 26. Träger des Franz-Weissebach-Preises auserkoren hatte.
Abgelehnt hat Lintz die Auszeichnung zwar nicht ("Der Franz-Weissebach-Preis ist Ehrensache"), dafür hat der "Marcel Reich-Ranicki der regionalen Theater- und Kulturszene" (Zitat Vorjahrespreisträgerin Dagmar Barzen) aber gepfefferte Worte für die meisten seiner Vorgänger gefunden, die seit 1988 die Silberplakette samt Anstecknadel, Urkunde und Preisgeld erhalten haben. Damit musste jeder rechnen, der den "Meister der Scharfzüngigkeit" (Barzen) in eine Reihe mit zumeist Bürgermeistern, Bischöfen, Bürokraten und Unternehmern stellt. Denn er ist einer, "der auch der Lokalpolitik den Spiegel vorhält".
Stifter und Spaßmacher


Damit steht Lintz dem Namensgeber des Preises, Privatier und Palastgarten-Stifter Franz Weissebach (1860 bis 1925), in nichts nach. Auch nicht mit der Liebe zur Heimat, obwohl Lintz kein echter Trierer, sondern Konzer durch und durch ist. Weissebach hat es erreicht, dass Trier einen Volksgarten anstelle eines Exerzierplatzes bekommt - denn der Stadtrat konnte sich im katholischen Moselstädtchen nicht dazu durchringen, Weissebachs für ein Krematorium zweckgebundenes Erbe entsprechend einzusetzen.
Die Finte, mit der der Stifter die Politiker nach seiner Pfeife tanzen ließ: Sofern der Stadtrat in fünf aufeinanderfolgenden Jahren den Bau der Leichenverbrennungshalle auf dem Hauptfriedhof ablehnt, sollte mit dem Geld der öffentliche Park angelegt werden.
Allerdings sei Weissebach auch ein Müßiggänger gewesen - nicht mehr so ganz zeitgemäß, wie Lintz befand, der den schalkhaften Bonvivant seit 2009 zumindest in der karnevalistischen Bütt gibt. Lintz sei hingegen einer, der "anpackt, was es anzupacken gibt", sagte ADD-Präsidentin Dagmar Barzen, deren Laudatio Lintz die Schweißperlen auf die Stirne trieb. "Ich habe schon auf viele Menschen eine Laudatio gehalten, aber bei keiner habe ich so übertrieben wie Sie bei Ihrer, Frau Barzen", revanchierte sich Lintz in weissebachesker Manier.
Weissebachs Konterfei mit großer Nase prangt in der Mauer im Palastgarten - ein sinnbildliches Zeichen für einen findigen Trie-rer, der der Stadt posthum die Anlage eines Volksgartens auf dem Ex-Exerzierplatz zwischen Kurfürstlichem Palais und Kaiserthermen abnötigte. Einen guten Riecher für Geschichten beweist auch Lintz - nicht nur, wenn er über Politik, Schulentwicklung oder Theateraufführungen berichtet, sondern auch, wenn in seiner TV-Kolumne "Mensch ..." Boris Becker, Barack Obama oder Andrea Nahles ihr Fett wegkriegen - oder eben seine Preisträger-Vorgänger in seiner Dankesrede.
So habe sich Dieter Lintz nicht nur als "Reich-Ranicki der regionalen Theater- und Kulturszene und Ulrich Deppendorf der Trierer Politik" als würdiger Preisträger empfohlen, sondern auch als "Mutter Teresa" für Bedürftige vor der eigenen Haustür, wie Barzen befand.
Als Nächster Günther Jauch?


Und wenn er seinen Nachfolger für 2014 bestimmen dürfte, ist Lintz um eine pfiffige Antwort nicht verlegen - ein Vorschlag ganz in der Tradition Weissebachs, der als Teilerbe eines Kanzemer Weinguts zum Privatier wurde: Das Gut heißt Othegraven und gehört heute Fernsehmoderator Günther Jauch. Auf ihn würde Lintz gern eine Laudatio halten - und sich vor der Session in sein heuschreckliches Weissebach-Kostüm "wummern", das er sich "vor etwa zehn Kilo" hat schneidern lassen.