1. Region
  2. Vulkaneifel

Vom Ministrant zum Massenmörder

Holocaust : Vom Ministrant zum Massenmörder

Rainer Höß, Enkel des Kommandaten des Vernichtsungslagers Auschwitz, war zu Gast an der Drei-Maare-Realschule in Daun. 

(red) Wie lebt ein Mensch damit, Erbe eines millionenfachen Massenmörders zu sein? Dieser Frage gingen anlässlich des Gedenktags für die Opfer des Nationalsozialismus 200 Schüler der Klassen 9, 10 und 12 der Drei-Maare-Realschule nach. Zur Erinnerung: Am 27. Januar 1945 wurde das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz in Polen von sowjetischen Truppen befreit.

Peter Fricke, ehemaliger Geschichtslehrer, führte in die Thematik ein. ,,Etwa jeder 20. Europäer hat laut einer CNN-Studie noch nie etwas über die Judenvernichtung  gehört. Wie kann es also gelingen, gerade junge Menschen, wie ihr es seid, zur Auseinandersetzung mit Nazi-Zeit und Holocaust zu bewegen?“

Er stellte auch die rhetorische Frage, ob man so lange Vergangenes immer wieder ans Tageslicht zerren müsse. ,,Wer die Verbrechen aus der Nazizeit nicht mehr hören kann, der beweist nur, dass er niemals richtig zugehört hat, oder, ich zitiere den Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel: Wer die Erinnerung an die Opfer verdunkelt, der tötet sie ein zweites Mal.“

Der Dokumentarfilm ,Nacht und Nebel“ von Alain Resnais über die Vernichtungslager sowie der Text ,,Kinder sind immer Erben“ von Max von der Grün bildete für die Schüler eine Brücke zum Gast Rainer Höß.

Sein Großvater war der Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß, 1901 geboren, der, im März 1946 von den Briten gefangen, nach seiner Zeugenaussage in den Nürnberger Prozessen im Mai 1946 an die polnischen Behörden ausgeliefert wurde. Am 16. April 1947 wurde er an seiner Wirkungsstätte mit Blick auf seine ehemalige Residenz und das Vernichtungslager gehängt.

Sein Enkel, Jahrgang 1965, hat es sich zur Aufgabe gemacht, die zum Schweigen gebrachten Stimmen der Opfer des Holocaust am Leben zu erhalten. Er ist Gast in Talk-Shows, schreibt Bücher, dreht Filme, spricht vor Schülern und Studenten, arbeitet mit rechtsradikalen Jugendlichen und hat 2014 die internationale Organisation ,,Footsteps“ mitgegründet. „Footsteps heißen wir, weil auf dem Weg in die Gaskammern Fußabdrücke das Letzte sind, was von den Menschen geblieben ist.“ Höß zeichnet in Daun die Verbrechen seines Großvaters unter dem Titel ,,Rudolf Höß: Der Tod ist mein Beruf - vom Ministrant zum Massenmörder“ nach. Er zeigt Familienbilder: die Villa Höß mit einem riesigen Garten inklusive Pool und Gewächshäusern, seine Großeltern beim Kaffeetrinken, 100 Meter entfernt von der Gaskammer und dem  Krematorium des Stammlagers Auschwitz.

Ein Bild seines Großvaters, umringt vom SS-Arzt Josef Mengele und dem stellvertretenden Kommandanten von Birkenau, Richard Baer. Wie Geraubtes zum Eigentum der Familie wird: einen aus Zahngold hergestellten Siegelring, das Familienwappen, das einer Näherin ihr Leben kostete, weil sie den Namen Höß mit Doppel-s gestickt hatte – und vor allem spricht Rainer Höß über das Leugnen seiner Familie, mit der er heute nichts mehr zu tun haben will.

Höß: ,,Von Anbeginn waren meine Großeltern väterlicherseits durch ihr Umfeld antisemitisch geprägt, dabei war meine Großmutter Hedwig die treibende Kraft. Ihre spätere schriftliche Stellungnahme und Sicht der Dinge zu Auschwitz und Massenmord: Alles Lüge, Erfindung der Juden und Alliierten. Für sie war ihr Ehemann ein aufrechter und glorreicher Kommandant, der zu Unrecht hingerichtet worden ist. Ironischerweise ist sie nach ihrem Selbstmord in den USA durch eine Giftphiole meines Großvaters 1989 auf einem jüdischen Friedhof beerdigt worden – da gehört sie nicht hin.“

Auch sein Vater, der als Kind drei Jahre in Auschwitz lebte, leugnete alles. Seine Version des Todes von Rudolf Höß: dieser sei im Krieg gefallen. ,,Als ich bei einem Besuch in Dachau überall den Namen Höß las und meinen Vater anrief, war der ganz entspannt. Das heißt Hess, erklärte er mir, das ist eine Namensverwechslung. Da war ich froh. Doch als ich einmal ein verbotenes Buch, ,,Menschen in Auschwitz“ von Hermann Langbein aus dem Regal ziehen wollte, endete dies mit einem Nasenbeinbruch. Mein Vater war sehr gewalttätig.“

Mit 15 kam erst der Auszug von daheim, dann der Absturz, Drogen, Alkohol. Sein erstes Kind habe ihn gerettet, sagt Rainer Höß heute rückblickend, ,,sonst hätte ich mir die Kugel gegeben.“ Seitdem hat er sich der Aufklärung verschrieben und mittlerweile 50 000 Dokumente zu Auschwitz und seinem Großvater zusammengetragen.

,,Dessen verstörendste Sätze in polnischer Haft, die ich mir denken kann, sind diese: ,Doch ich muss offen sagen, auf mich wirkte diese Vergasung beruhigend, da ja in absehbarer Zeit mit der Massenvernichtung der Juden begonnen werden musste. Nun war ich doch beruhigt, dass uns allen diese Blutbäder erspart bleiben sollten, dass auch die Opfer bis zum letzten Moment geschont werden konnten.´“

Auf das Todesurteil von den Schülern angesprochen, sagt Rainer Höß: ,,Ein Menschenleben für Millionen: Ich überlasse das jedem selbst, sich da ein Urteil zu bilden. 23 Minuten hat es gedauert bis zur Erhängung, die live übertragen wurde. Das am Galgen ist das einzige Bild von ihm, das auf mich beruhigend wirkt, weil er keinem mehr schaden kann. Das Einzige, was in unserer Familie nicht gelogen war, waren die Sätze meiner Großmutter, die einmal sagte: Der Rainer wird uns mal richtig Ärger machen. Ich komme allen immer zuvor, sie bekommen seit Jahren von mir alle meine Arbeiten kostenlos geschickt.“

Eine Enkelin auf Spurensuche, Sandra Polom, sprach ebenfalls im Rahmen  der Gedenkveranstaltung. Auch sie ist Erbin, doch von Opferseite. Anlass für die Aufklärung ihrer Familiengeschichte waren Schmuckstücke ihrer Großmutter, die ihr im KZ Ravensbrück abgenommen und der Familie 2017 per Post zugeschickt wurden.

Die Großeltern wurden in Polen verschleppt und überlebten mehrere Konzentrationslager, bevor sie nach ihrer Befreiung Schweden erreichten.  Eine Station des Leidensweges ihres Großvaters Jakub Chabinski als Zwangsarbeiter war der Tunnel in Treis-Bruttig zwischen Cochem und Koblenz, ein Außenlager des Konzentrationslagers Natzweiler.

Wer sich für dieses Thema interessiert, sollte die Dokumentation , ,,Deckname Zeisig“ zum Treis-Bruttiger Tunnel des Autors und Chronisten Guido Pringnitz lesen.