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Damals Bremen, heute Burgbrohl

Damals Bremen, heute Burgbrohl

Als in Deutschland der Commodore 64 das Wohnzimmer erobert, erlebt der kleine Dorfverein FSV Salmrohr seine fußballerische Glanzzeit: spektakuläre Freundschaftsspiele unter anderem gegen Bayern München, legendäre Pokalauftritte und der Aufstieg in die Zweite Liga. Die Erinnerung daran ist geblieben, auch wenn es sportlich nicht mehr so gut läuft.

Salmrohr. "Das ist der Plath, der kam von Lautern. Oder hier der Rolshausen, das ist ein Saarländer. Der Herres und der Toppmöller, das waren auch gute Spieler. Und nicht zu vergessen: Wolfgang Kleff, der ehemalige Nationaltorwart." Georg Spang zeigt im kleinen, weiß gefliesten "VIP-Bereich" des Salmtalstadions auf ein altes Mannschaftsfoto von 1986/87. Darauf trägt jeder Dritte einen "Schnurres", nicht nur im Nacken sind die Haare deutlich länger als nach heutiger Mode.

Spang hat es miterlebt: das kurze Abenteuer Zweite Liga. Es ist der größte Erfolg des FSV aus dem 1000-Einwohner-Örtchen Salmrohr, der selbst ernannten "Macht vom Dorf". Mit Stolz trägt er die Vereinsjacke und die Kappe mit dem Vereinswappen beim Rundgang durch das Stadion, das mit seinen 6 000 Plätzen für den aktuellen Zuschauerschnitt von rund 200 mehr als überdimensioniert ist.

Der 60-Jährige ist "so um 1960" in den Club eingetreten, seit rund 30 Jahren kümmert er sich um die Spielbögen und schließt die Kabinen in der Halbzeit ab. "Früher habe ich auch mal Schuhe geputzt und mit einem Pinsel die drei weißen Streifen der Fußballstiefel nachgemalt. Das hat man so gemacht, früher." Spang ist einer der vielen ehrenamtlichen Helfer, ohne die der Club nicht mal die Rheinlandliga bestreiten könnte. In Klasse sechs warten statt St. Pauli mit Klaus Thomforde oder Darmstadt mit Bruno Labbadia nun Bad Breisig und Burgbrohl. "Ich wünsche mir die alten Zeiten zurück, aber die kommen wohl nicht mehr", sagt Spang ohne große Wehmut.

Denn jetzt warteten echte Lokalderbys - gegen Morbach, Mehring, Triers Zweite und vor allem gegen den SV aus dem wenigen Hundert Meter entfernten Dörbach. "Beide Teams sind da motiviert, manchmal auch übermotiviert." Das hänge aber auch mit der Lokalpolitik zusammen: Salmrohr und Dörbach bilden die Gemeinde Salmtal. Da gebe es schon mal Reibereien. Rivalitäten gibt es auch mit Wittlich. "Nach dem Aufstieg in die Zweite Amateurklasse 1961/62 sind wir mit unseren Fahnen durch Wittlich gefahren", sagt Spang mit später Schadenfreude über die deutlich größere, aber fußballerisch nicht so erfolgreiche Kreisstadt. Damals war Spang selbst noch aktiv und hat die großen Namen des Vereins miterlebt: Reinhold Thiel, der - im Kleidungsstil Helmut Schön ähnelnd - den Verein nach dem Krieg aufbaute; Josef Klein und Fritz Mehrfeld, die den Verein in den 50er-Jahren auf die Spur in die Zweite Amateurliga brachten; Horst Brand und Fritz Fuchs, die die sportlichen Grundlagen in den 70ern und 80ern legten - und natürlich Peter Rauen, der den Verein als Präsident und Sponsor in die Oberliga und Zweite Liga führte.

Und große Spiele: Der Sieg gegen den Rheydter SV (1990, 2:0) zum Gewinn der Amateurmeisterschaft. Die DFB-Pokalkracher gegen Werder Bremen (1981, 0:3), Dortmund (1987/88, 0:1) oder den damaligen Bundesligisten Wattenscheid (1992/93, 2:0). Die Freundschaftsspiele, wie der sensationelle 2:0-Sieg (1983) gegen den damaligen Weltklasse-Club und amtierenden Europapokalsieger FC Aberdeen mit Trainer-Legende Alex Ferguson.

Dann kam Sir "Fergie"

 Schon in der Zweiten Liga dabei: Heute ist Robert Jung wieder Trainer in Salmrohr. TV-Foto: Archiv/ Hans Krämer
Schon in der Zweiten Liga dabei: Heute ist Robert Jung wieder Trainer in Salmrohr. TV-Foto: Archiv/ Hans Krämer



Und natürlich das Spiel im Jahr 1981 gegen die Bayern um Breitner, Hoeneß und Rummenigge zur Einweihung der neuen Rasensportanlage am Schulzentrum. Die große Fußballwelt besucht das Dorf, erinnert sich Reinhold Barzen, der 20 Jahre im Vorstand des Vereins mitwirkte. Besuche, die nicht immer konfliktfrei abliefen. "Der damalige Bayern-Trainer Pal Csernai hat uns als Bauernverein bezeichnet. Die Freiwillige Feuerwehr, die damals ehrenamtlich den Ordnerdienst gemacht hat, hat Csernai in seinem feinen Anzug nicht als Trainer wahrgenommen und zunächst nicht in die Spieler kabine und auf das Spielfeld gelassen", schmunzelt Barzen. "Der Feuerwehr-Hauptmann war eben kein Bayern-Fan." Der fußballerische Aufbruch in den 80ern hat das ganze Dorf erfasst, sagt Barzen. "Für die Aufstiegsspiele gegen 1860 München, Ulm und Offenbach wurden zwei Tribünen vom Kröver Trachtenfest organisiert und in Handarbeit aufgebaut. Da mussten alle mit anpacken. Auch Heinz Toppmöller." Sein Bruder Klaus prägte die Spielweise des Vereins in den 80ern - als Spieler und Spieler-Trainer, nachdem er Robert Jung im Verlauf der Zweitliga-Saison abgelöst hat. Jung ist heute wieder Trainer der ersten Mannschaft in Salmrohr. Er erinnert sich: "Toppi und Edgar Schmitt haben nach den Flanken von Herbert Herres regelmäßig getroffen. Das hat einfach gepasst. Das hat unser Spiel enorm beruhigt."

Georg Spang, Reinhold Barzen und Robert Jung sind sich heute einig: Der Verein gehört in die Oberliga. Sportlich geht es dafür zurück zu den Wurzeln: Den Stamm bilden junge Talente aus der Region. Die spielerische Klasse sei da, sagt Jung. Im Gegensatz zur Mannschaft von damals fehle allerdings noch der absolute Siegeswille. Der Zusammenhalt in der Mannschaft habe sich geändert.

Jung sagt, heute müsse man regelmäßig Spieler abstellen, wenn an der Uni Klausuren anstehen. "Die Spieler und die Fans haben sich früher nach dem Spiel im Häuschen am Stadion getroffen - bis 2 oder 3 Uhr morgens". Barzen ergänzt: "Bis in die frühen 90er-Jahre war Fußball in Salmrohr das kulturelle und soziale Ereignis in Salmrohr". Es bleibt also doch ein bisschen Wehmut nach der guten alten Zeit.

Der FSV Salmrohr 1921

… war zweimal Meister der Oberliga Südwest (1984/85 und 1991/92) … konnte in den vergangenen 14 Begegnungen nur dreimal gegen den Rivalen aus Trier gewinnen … und seine Fans: Man erzählt sich, dass beim sensationellen Sieg im DFB-Pokal 1993 gegen den Bundesligisten Wattenscheid 09 fast die Tribüne unter der Euphorie der Zuschauer zusammengebrochen ist. Die damals ausgetauschten Stützpfeiler liegen angeblich noch heute unter der Haupttribüne im Salmtalstadion. … hatte mit Bernd Hölzenbein einen Fußballweltmeister unter Vertrag - allerdings nur für ein halbes Jahr. Er soll nie gemurrt haben, auf dem Salmrohrer Hartplatz trainieren zu müssen.