Gegen die Macht der Gewohnheit

Gegen die Macht der Gewohnheit

Es klingt ganz einfach: Die Alexandertechnik soll helfen, Stress und Verspannungen abzubauen - durch Nichtstun. Sie besagt, dass allein die Kraft der eigenen Gedanken schlechte Haltungsgewohnheiten und Spannungszustände erkennen und verbessern kann.

Liegen, Sitzen, Stehen oder Gehen geschieht bei den meisten Menschen automatisch und unbewusst. Viele machen es sich bei den vermeintlich einfachen Haltungen aber unnötig schwer - aus purer Gewohnheit. Büromenschen kennen es nur allzu gut: Tag für Tag wird am Schreibtisch dieselbe Haltung eingenommen, selbst wenn der Rücken bereits rebelliert. Die Folgen sind Verspannungen und Stress. Fitness oder andere Trainingsformen können hier helfen, doch es geht auch einfacher: mit der Alexandertechnik.

Dabei wird nämlich nicht vorrangig die Muskulatur trainiert, sondern auf der Ebene der Selbstwahrnehmung angesetzt. Gedanken sollen sozusagen helfen, die Haltung zu verbessern und Spannungen abzubauen. Bei der ganzheitlich orientierten Methode werden die "Patienten" durch verbale Anweisungen, manuelle Impulse und geführte Bewegungen eines Lehrers auf ihre gewohnten, möglicherweise ungünstigen Haltungs- und Bewegungsmuster aufmerksam gemacht und können so lernen, sie zu verändern. Geeignet ist die "Kunst des Nichtstuns" nach Angaben des deutschen Alexander-Technik-Verbandes für jedermann, insbesondere aber für Menschen, die Stress abbauen wollen oder die in ihrem Alltag großen psychischen oder körperlichen Belastungen ausgesetzt sind.

Lernen was gut tut



"Die Alexandertechnik kann uns zu einem ganz neuen Lebensgefühl verhelfen", sagt Torsten Konrad, Lehrer der Alexandermethode. Man lerne, sich bei allen Aktivitäten mehr Ruhe zu lassen und sich somit von unnötigem Druck zu befreien. Das verhelfe nicht nur zu einem ganz neuen positiven Körperbewusstsein, sondern entspanne auch. "Durch die erlernte, bessere Körperstellung stellen sich Wohlbefinden, Gelöstheit und Entspannung fast wie von alleine ein", schwärmt der ausgebildete Tänzer und Choreograph. Doch wie funktioniert das?

"Die Alexandertechnik geht davon aus, dass alle geistigen, seelischen und körperlichen Prozesse untrennbar miteinander verbunden sind", erläutert Konrad. Körper und Seele sind demnach bereits im Einklang miteinander, man muss es sich aber bewusst machen. Das hört sich komplizierter an, als es ist: In seinen Seminaren lässt er die Teilnehmer sitzen, aufstehen, stehen und gehen. Er fragt, was sie dabei spüren und lenkt ihre Aufmerksamkeit auf verspannte Partien. Dadurch wird vielen erst bewusst, wie verkrampft sie durchs Leben gehen. Ein ausbalanciertes Verhältnis zwischen Kopf, Hals und Rumpf ist nach der Alexandertechnik das A und O für freie und gelöste Bewegungsabläufe.

"Stellt euch vor, wie der Boden eure Füße trägt, wie die Wirbelsäule länger wird und der Kopf auf dem Körper ruht", weist er seine Schüler ruhig an. Hinter den Anweisungen steckt die Annahme, dass Muskeln einerseits Signale an das Gehirn senden, andererseits aber auch umgekehrt mentale Botschaften über das Nervensystem empfangen können. Und dann auch tatsächlich locker lassen: "Der Nacken wird lang, es fühlt sich befreit an", sagt eine Teilnehmerin. Überhaupt fallen die Worte "frei", "entspannt" und "leicht" sehr oft in die Runde. Bei den Übungen soll gelernt werden, wie Gefühl und Bewegung zusammenspielen und optimal koordiniert werden können

Dass die Alexandertechnik helfen kann, Verspannungen zu lösen und Schmerzen zu lindern, ist sogar wissenschaftlich bewiesen. "Eine Untersuchung an 579 Patienten mit chronischen Rückenschmerzen ergab, dass die positive, schmerzlindernde Wirkung der Alexander-Technik im Vergleich zu Massagen und sportlichen Übungen deutlich länger anhält", berichtet das englische Ärzteblatt British Medical Journal.

Trotz vieler Erfolgsmeldungen wird sie aber nur von wenige Krankenkassen unterstützt, da sie weder Sportart noch Heilmethode sei, sondern "eher ein Element der persönlichen Lebensgestaltung". www.alexander-technik.org

www.torstenkonrad.com

AUF EINEN BLICK Benannt ist die Alexandertechnik nach dem australischen Schauspieler Frederick Matthias Alexander (1869 bis 1955). Als ihm auf der Bühne immer öfter die Stimme versagte, begann er genauer auf seine Atmung zu achten. Dabei stellte er fest, dass Verspannungen ihn daran hinderten, beim Rezitieren frei zu atmen. Alexander entwickelte daraufhin eine Entspannungsmethode, die er ab 1931 auch anderen Personen lehrte. Heute ist die Alexander-Technik weltweit verbreitet und fester Unterrichtsbestandteil in Schauspiel- und Tanzschulen. aba

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