| 18:21 Uhr

Meinung
Der Fall Özil lehrt: Integration ist keine Einbahnstraße

FOTO: k r o h n f o t o .de
Die Vorwürfe wiegen schwer. Sie haben das Zeug dazu, die öffentliche Debatte in den nächsten Tagen und Wochen zu dominieren. Doch um es klar zu sagen: Würde der Fall Mesut Özil für eine sachliche und ehrliche Diskussion über richtige und falsche Vorwürfe, über Errungenschaften und Grenzen der Integration sorgen, dann wäre politisch schon viel gewonnen. Von Stefan Vetter

Özil hat seinen Rückzug aus der deutschen Nationalmannschaft mit rassistischen Anfeindungen begründet. Und mit einem Defizit an persönlicher Anerkennung. Beides ist doch ziemlich vermessen. Man erinnere sich nur an die unselige Bemerkung des AfD-Politikers Alexander Gauland, der scheinbar im Namen aller Deutschen Özils Mannschaftskollegen Jerome Boateng nicht als Nachbarn haben wollte. Darüber war das Land ehrlich empört, und Gauland war blamiert. Merke: Fußballer mit ausländischen Wurzeln haben nicht nur einen festen Platz unter Deutschlands besten Kickern. Sie sind auch positiv im Bewusstsein der allermeisten Fußballfans verankert. Und dass auch Özil nach dem deutschen WM-Titel vor vier Jahren mit der höchsten deutschen Auszeichnung für einen Sportler geehrt wurde, spricht dafür, dass der Staat ebenfalls herausragende Leistungen eines jeden anerkennt, unabhängig davon, woher seine Vorfahren kommen.

Seitdem ist allerdings einige Zeit ins Land gegangen. Und das berühmt-berüchtigte Foto Özils mit dem türkischen Autokraten Erdogan hat viele Menschen unangenehm berührt. Nun ist diese Verstörung mit voller Wucht zurückgekehrt, denn Özil bekannte freimütig, er würde es wieder tun. Man kann das als Widerspenstigkeit eines politisch Unbedarften, eines Unbelehrbaren abtun. Doch die Sache geht viel tiefer. Zumal die AfD den Fall Özil nun als Paradebeispiel für eine gescheiterte Integration der hier lebenden Türken aufpumpt. Wer indes so daherredet, der will nicht wahrhaben, dass viele Türken hier sogar Arbeitsplätze geschaffen haben und eine Stütze für den wirtschaftlichen Wohlstand in Deutschland darstellen. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Sympathien für Erdogan gerade unter hier lebenden Türken erschreckend weit verbreitet sind. Davon zeugte das Ergebnis bei der Präsidentenwahl. Und laut Zentrum für Türkeistudien schreitet die Entfremdung türkischstämmiger Zuwanderer von Deutschland sogar weiter voran.

Pauschale Rassismus-Vorwürfe helfen da allerdings keinen Deut weiter. Denn zum einen verunsichern sie viele Deutsch-Türken nur noch mehr. Und zum anderen entmutigen sie den großen Teil der Gesellschaft, der sich für eine erfolgreiche Integration stark macht. Klar muss aber auch sein, dass Integration keine Einbahnstraße ist. Wer als Türke hier lebt, der muss sich auch auf Deutschland einlassen, auf die Werte des Landes, auf seine freiheitlich-demokratische Grundordnung. Der Fall Özil zeigt, was dabei alles schieflaufen kann.

nachrichten.red@volksfreund.de