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Ein Pokerspieler namens Donald Trump

Ein Pokerspieler namens Donald Trump

Optimisten sehen es so: Was immer Donald Trump im Moment tut, entspringt dem Kalkül eines Spielers, der ein hohes Risiko eingeht, der blufft und ein Pokerface zur Schau stellt und dabei versucht, das Optimale für sich herauszuholen. So mache man nun mal Geschäfte im New Yorker Immobiliensektor mit seinen harten Bandagen, sagen die Optimisten.

Zu beobachten sei ein Bauunternehmer, der mit Maximalpositionen in eine Verhandlung gehe, um sich nach zähem Gerangel auf einen Kompromiss einzulassen. Ob er China, Deutschland oder Mexiko droht - Trump scheint Staaten auch nur für Geschäftspartner zu halten, mit denen man streiten müsse wie unter Kesselflickern.

Wer geglaubt hatte, der Wahlsieg würde ihn allmählich zum Staatsmann reifen lassen, sieht sich bislang getäuscht. Wie er einen Tweet nach dem anderen in die Welt setzt, um Leute vor den Kopf zu stoßen, seien es Meryl Streep oder ein Gewerkschaftsfunktionär in Indiana, das lässt selbst Wohlwollende an seiner Lernfähigkeit zweifeln.

Und natürlich können auch Worte Schaden anrichten: Die abfällige Art, mit der er sich über die Europäische Union äußerte, hat nicht nur in Berlin, Brüssel oder Paris die Alarmglocken läuten lassen, sondern auch in den Denkfabriken Washingtons.

Im Wahlkampf hat er die nationalistische Karte gespielt, aggressiv und populistisch. Alles nur Geklingel, am Ende werde nichts so heiß gegessen wie es gekocht werde, glauben die Optimisten. Im internationalen Geflecht werde Trump schon bald auf dem Boden der Tatsachen landen und sich - durchaus pragmatisch - mit der Realität arrangieren.

Für diese These spricht, dass er sich mit Ministern umgibt, die sich nicht scheuen, ihm zu widersprechen. Während er die Nato für obsolet erklärt, betont sein designierter Verteidigungsminister, der Ex-General James Mattis, dass an der Nato nicht zu rütteln sei. Während er Wladimir Putin mit Komplimenten überhäuft, erklärt sein designierter Außenminister, der Ölmanager Rex Tillerson, dass ein Schmusekurs gegenüber Moskau nicht infrage komme. Während Trump den Bau einer Grenzmauer zu Mexiko an die Spitze seiner Wahlversprechen setzte, räumen einige seiner Kabinettsmitglieder ein, dass eine solche Mauer wohl nicht viel bewirken werde.

Allein schon die Anhörungen im US-Senat, denen sich stellen muss, wer ein Ressort leiten will, scheinen den Optimisten recht zu geben. Nur: Am Ende wird es Trump sein, der in seiner Regierung die Weichen stellt. Außenpolitik wird eher im Weißen Haus gemacht als im State Department, das war schon immer so. Und was der Milliardär aus New York seinen Worten, seinen Twitter-Ergüssen an praktischem Handeln folgen lässt, bleibt fürs Erste ein Ratespiel.

Es ist außergewöhnlich, wie wenig sowohl die amerikanischen Wähler als auch der Rest der Welt über die wahren Absichten des 45. Präsidenten der USA wissen. Weder hatte der Baulöwe jemals ein öffentliches Amt inne, noch hat er Erfahrungen in Kommandopositionen des Militärs gesammelt. Das unterscheidet ihn von all seinen Amtsvorgängern der jüngeren Geschichte, und es erschwert den Versuch, die Substanz seiner Politik abzuschätzen.

Trumps Anhänger vergleichen ihn gern mit Ronald Reagan, dem sie bescheinigen, die eingefahrenen Gleise Washingtons schon einmal so resolut verlassen zu haben, wie es jetzt erneut der Fall sein werde.

Der Unterschied ist: Reagan war bereits Gouverneur Kaliforniens gewesen, ehe er ins Weiße Haus einzog. Bei ihm wusste man ungefähr, woran man war. Bei Trump ist für den Moment alles ein großes Fragezeichen.
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