Theater

Zu den Artikeln "Im Rausch der Farben" (TV vom 14. September) und "Wie sich eine Inszenierung selbst demontiert" (TV vom 21. September):

Ich gestehe: Auch ich musste mich mit Schauder von dieser "Molière"-Vorstellung abwenden, um dem mir dargebotenen Schwachsinn zu entfliehen. Das Einzige, was dieses Stück mit Molière verbindet, ist die Provokation. Es konnte sich mir nicht erschließen, was eine ständig stürzende, mit einem Regenschirm ausgestattete Darstellerin mit Kunst zu tun hat. Ich empfand es als eine Demütigung (war bestimmt auch so gemeint) der weiblichen Seele. Und dann war da auch noch "das Wort". Gerne hätte ich die Worte gehört und damit vielleicht den Sinn des Gesprochenen verstanden, aber das Wort kam gerade bis Reihe zwei. Außerdem wurde es durch dümmliches Lachen einiger Twens in der Reihe hinter mir übertönt und verlor sich nicht hörbar im weiten Raum des Theaters. Abgesehen vom Verschütten von Farbeimern und dem darin Suhlen wie Schweine im Schlamm hört bei mir der Spaß auf, wenn Lebensmittel achtlos auf der Bühne herumgeworfen, den Akteuren in den Mund gepresst werden, um wieder erbrochen zu werden. Aber auch in dieser Sequenz irres Lachen hinter mir. Den Auftritt nackter Schauspieler erfuhr ich aus dem TV, bin beileibe nicht prüde, muss aber nicht sein. Hatten wir schon mal vor Jahren bei König Lear, aber der war ja auch schwachsinnig! Aber wem es gefällt, soll seinen Spaß daran haben. Noch eine Bemerkung zum Schluss: Die Vorstellung der Schauspieler am Anfang des Abends hat mich beeindruckt. Großes Lob dem Musiker, der war klasse. Auch dem Intendanten Karl Sibelius hätte es geziemt, sich dem Premierenpublikum vorzustellen, das sein Abonnement noch nicht gekündigt hat. Annegret Waters, Bernkastel-Kues Natürlich ist es möglich und manchmal sinnvoll, zwei oder mehr Werke miteinander verbunden zur Aufführung zu bringen. Angebracht ist das aber nur, wenn die Aussage des zugrundeliegenden Werkes durch die Ergänzungen besser dargestellt werden kann. Namensgebend war für diese Aufführung die Oper "Fidelio" von Beethoven, und auch wenn angekündigt war, dass das Ganze "nach" Beethoven sei, so hätte doch der Sinn dieser Oper nicht auf den Kopf gestellt werden dürfen. Zunächst musste man sich bei geschlossenem Vorhang etwa zehn Minuten lang Gebrüll (aus einem Fußballstadion?) anhören. Als sich endlich der Vorhang hob, sah man ein Pissoir, einen Glas-Bürocontainer, eine Duschkabine und einen Tisch mit einem Pin-up-Poster darüber. Sollte das vielleicht der Hof des Gefängnisses sein? Es trat auf eine tanzende Putzfrau, die den Gefängnishof putzte. Erst als sie schließlich zu singen begann, konnte man realisieren, dass diese Putzfrau Marcelline sein sollte und dass man sich in der Aufführung von "Fidelio" befand. Als der Gefängnishof geputzt war, zog Marcelline sich komplett aus und begab sich in die Duschkabine. Es erschien Fidelio, der sich ebenfalls ganz entkleidete einschließlich der Penis-Attrappe. Er/sie gesellte sich zu Marcelline, die unsinnigerweise jetzt schon erkennen musste, dass Fidelio eine Frau ist. Die beiden trieben ein vergnügtes (nicht für die Zuschauer) Sexspiel, das in dem Orgasmus Marcellines gipfelte. Dann gab es natürlich auch noch Jaquino, der, kaum auf der Bühne, seinen (Gummi-)Penis freilegte. In dem Glascontainer führten zwei Schauspieler einen ziemlich unverständlichen Dialog; das ging so lange, bis der "erste Mann" den anderen zwang, ihn zu masturbieren, worauf bald der andere vom "ersten Mann" erschossen wurde. Ja, und in die Urinale wurde entweder uriniert, sich erbrochen, oder es wurden Schnapsflaschen darin ausgeleert. Man muss sich fragen: Diente das alles dem besseren Verständnis der Oper, oder hat hier jemand seinen sexuellen Obsessionen freien Lauf gelassen? So wie ich die Oper Beethovens verstehe, stellt sie den Sieg über die Unfreiheit durch Liebe dar. Diese Aussage wurde hier aber konterkariert, denn am Ende dieser Aufführung stand nicht Freiheit, sondern Tod und Tohuwabohu. Am Ende waren alle tot, alle außer der putzmunteren Putzfrau, die auf einem Laufsteg in den Zuschauerraum rannte. Ich kann mich nicht erinnern, eine Premierenaufführung besucht zu haben, bei der von Anfang an so wenige Zuhörer im Theater waren; und diese geringe Zahl verringerte sich noch ständig im Laufe der Vorstellung. Falls das mit diesen Klamauk-Aufführungen noch lange so weitergeht, kann man sich bei der Stadtverwaltung langsam Gedanken darüber machen, wie man die 20 Millionen Euro anderweitig ausgeben kann. Für ein halb leeres Theater lohnt sich eine Investition nicht. Zum Schluss noch zwei Fragen: Wie lange läuft der Vertrag des Intendanten? Und könnte er bitte früher gehen? Bernd Schneiders, Trier Es ist ein Skandal, wie die Theaterlandschaft in Trier seit Beginn der neuen Intendanten-Ära in gezeigtem "Molière" und "Fidelio" zum Freudenhaus-Ambiente mutiert. Müssen Aggressionen und dieses Niveau im Vordergrund stehen? Das ist absolut unwürdig, nicht jugendfrei und in der Obszönität nicht mehr zu überbieten! Wie soll man unter diesen misslichen Umständen schutzbefohlene Kinder und Heranwachsende als neue zukünftige Theaterfreunde gewinnen? Das sollte unser Ziel sein! Modernisierung alter Klassiker selbstverständlich, jedoch in entsprechendem Rahmen. Irmentraud-Marlene Decker, Trier