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Arno Strobel: Horror im Smart Home

Literaturkolumne : Horror im Smart Home

Die Haustür öffnet sich, sobald man auf die Kamera im Display schaut. Das Licht geht an, wenn man das Haus betritt. Und es verlöscht, sobald man den Flur verlässt und ins Wohnzimmer kommt, das im selben Moment erleuchtet wird.

Bei Einbruch der Dunkelheit senken sich die Jalousien vor sämtlichen Fenstern. Und die Außenkamera überwacht das gesamte Grundstück rund um die Uhr, so dass sich weder Freund noch Fremder unbemerkt nähern kann. Darüber hinaus werden sämtliche Aktivitäten innerhalb und außerhalb der eigenen vier Wände aufgezeichnet und – zumindest einige Tage lang – gespeichert. In seinem solchen Haus fühlt man sich hundertprozentig sicher, denn es kann ja nichts passieren, was sein Besitzer nicht kontrollieren kann.

Das glauben auch Hendrik und Linda, die in einer solch elektronisch gesicherten Trutzburg im Hamburger Stadtteil Winterhude wohnen. Das ändert sich jedoch schlagartig, als ein Anruf aus dem Universitätskrankenhaus die beiden aus einem romantischen Tête-à-tête reißt, bei dem sie Pläne für die bevorstehende Hochzeit schmieden: Der Chirurg wird bei einer Not-OP gebraucht. Als Hendrik Stunden später von seinem nächtlichen Einsatz zurückkommt, ist Linda verschwunden. Und für Hendrik Zemmer beginnt ein Albtraum, der ihn irgendwann an seinem Verstand zweifeln lässt, weil er am Ende überhaupt nicht mehr weiß, wem er eigentlich noch trauen kann.

„Die App“ heißt der Thriller von Arno Strobel, der nicht nur dem Protagonisten, sondern auch dem Leser immer wieder den Boden unter den Füßen wegzieht. Die Polizei glaubt nicht an eine Entführung, da ein Koffer mit Lindas Kleidung fehlt. Ein vermeintlicher Kollege namens Dr. Steinmetz kreuzt in Hendriks Haus auf und behauptet, Linda sei mit einem anderen durchgebrannt. Kurz darauf wird Dr. Steinmetz ermordet – und es stellt sich heraus, dass er gar nicht Dr. Steinmetz war. Ausgerechnet einer der beiden ermittelnden Kommissare wird wegen Mordverdachts festgenommen – und beide Polizisten warnen Hendrik eindringlich, dem anderen Kollegen zu trauen. Und dann ist da noch die Psychologiestudentin Alex, die sich bei Hendrik meldet, nachdem er in seiner Not ein Foto von Linda auf Facebook gepostet hat, und sich bester Verbindungen zu einem dubiosen Hacker rühmt. Den hat sie im Darknet kennengelernt und kann ihnen angeblich bei der Aufklärung dieser immer mysteriöser werdenden Angelegenheit helfen. Immerhin erfährt Hendrik auf diese Weise, dass der Schlüssel für die angsteinflößenden Ereignisse in der App namens „Adam“ liegt, die sein Haus bewacht, allerdings nicht nur ihrem Besitzer gehorcht, sondern jedem, der ihren Code knacken kann. Was Alex und Hendrik zur Firma „Hamburg Home Systems“ führt, in der „Adam“ entwickelt wurde und deren Geschäftsführer ebenfalls nicht ganz koscher zu sein scheint …

Es ist schon beinahe zu viel des Guten bzw. Bösen, das Strobel seinem Protagonisten und seinen Lesern zumutet. Über die immer undurchsichtiger werdenden Handlungsstränge verliert man ganz aus dem Blick, worum es eigentlich geht. Das erfährt man erst ziemlich am Ende des Buches, wenn die Puzzleteile nach und nach zusammenfinden. Und selbst dann wird nicht ganz plausibel, ob der Entführer oder Mörder aus Geldgier oder Sadismus handelt. Bis dahin allerdings, das muss man dem Autor zugute halten, weiß er den Leser mit immer neuen Verwirrspielen, falschen oder richtigen Spuren bei der Stange zu halten. Dass die ganze Geschichte in der Rückschau dann doch nicht so originell ist wie der Erfindungsreichtum des Autors, seine Leser in die Irre zu führen, mag man ihm nach dieser Tour de force dann durchaus verzeihen. Rainer Nolden

Arno Strobel, Die App, Fischer, 362 Seiten. 15,99 Euro.