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Public Enemy in Trier - Bombenalarm, Militärpolizei und Party

Was für eine Show: Besondere Konzerte in der Region : Als Public Enemy nach Trier kam: Bombenalarm, Militärpolizei und Party

4. April 1990: Warum der Auftritt der Hip-Hop-Formation Public Enemy in der Europahalle ein ganz spezieller wird.

Vor gut 30 Jahren in Trier: Der Viehmarkt versteckt seine alten Thermen noch, auch wenn die Archäologen schon graben. Die frischeste Liebe der alten Stadt, Weimar, Partnerin seit 1987, liegt immer noch in einem anderen Land. Auch das ändert sich bald. Aber die Band, die an diesem 4. April 1990 zum ersten und einzigen Mal in der vollen Europahalle spielen wird, die ist 2020 thematisch nicht nur wegen „Black Lives Matter“ immer noch so aktuell wie damals – Public Enemy, damals eine der angesagtesten Hip-Hop-Formationen. Die New Yorker Truppe um die Rapper Chuck D und Flavor Flav hat den alltäglichen Rassismus schon in den 80ern immer wieder in ihren Stücken thematisiert. Berühmt wurde auch ihr Logo: ein schwarzer Mann in einem Fadenkreuz.

Public Enemy in der Europahalle? Bei der spontanen Nachfrage muss Ingo Popp kurz auflachen. Public Enemy, ach ja. Er hatte das Konzert der legendären Hip-Hop-Crew veranstaltet, deren Namen man mit „Staatsfeind“ übersetzen könnte. Hunderte Konzerte vorher hat Popp organisiert, noch viel mehr nachher. Vieles verblasst da, geht in der Wiederholung verloren, wenn man Woche um Woche, Jahr um Jahr Shows ausrichtet. Aber das Drumherum war so besonders, dass sich Popp auch drei Jahrzehnte später gut erinnern kann. „Das war ein harter Tag“, sagt er. Ein stressiger. „Ich war 27 und habe das damals alles gut weggesteckt. Aber da kam schon alles zusammen.“ Inzwischen ist er froh, dass er sich vor Jahren aus dem Konzertgeschäft zurückgezogen hat – nicht nur wegen der Corona-Situation in diesem Jahr. Das Feuer für die Musik sei einfach weg, Aber das, ja, das war schon ein Tag fürs Immer.

Alles beginnt am 4. April 1990 mit einem Bombenalarm. Irgendjemand hatte wohl bei der Polizei angerufen, anonym natürlich, hatte gedroht: In der Europahalle geht heute eine Bombe hoch. Mit dem Resultat, dass die Halle geräumt werden musste, bis Entwarnung gegeben wurde. So kann es Ingo Popp erzählen, im Gegensatz zum Internet, das es damals für Nicht-Freaks noch gar nicht gab. Es war nicht der einzige Stresstest für den Veranstalter an jenem Abend: Denn Chuck D war verschwunden, der Frontmann von Public Enemy. Er soll sich am Abend in einem Trierer Hotel mit einem Fan vergnügt haben, das wurde Popp so zugetragen, das ist Gossip, kaum zu überprüfen – und letztlich auch egal. „Er war jedenfalls nicht da“, sagt Popp. „Von daher hat uns die Bombendrohung sogar noch in den Kram gepasst.“ So begann das Konzert deutlich später als geplant – und als Public Enemy dann endlich auf der Bühne standen, mit Chuck D, war die Anspannung weitgehend weg. Eine Bombendrohung erlebte der Veranstalter später auch noch mal, „bei den Toten Hosen im Trierer Messepark“. Nach Campino wurde damals nicht gesucht.

Ein Trierer wusste weder von der Bombendrohung noch vom verschollenen Chuck D, aber Patrik Honegr kann andere Geschichten vom Abend erzählen. Es ist alles eine Frage der Perspektive. „Public Enemy war mein erstes großes Konzert. Wir waren mit vier oder fünf Jungs dort“, sagt er. „Ich war gerade 16 geworden und damit noch der älteste. Wir hatten viel Hip-Hop gehört, N.W.A., Public Enemy oder Run DMC. Ich hatte Freunde auf der Airbase, die mich mit Platten versorgt hatten. Als wir gehört hatten, dass Public Enemy nach Trier kommen, konnten wir das gar nicht glauben“, erzählt er: „Die kommen in unser kleines Nest? Das war das Nonplusultra, das i-Tüpfelchen. Da ist ein Jugendtraum wahr geworden. Wir hatten die Videos auf MTV gesehen, hatten sie auf VHS aufgenommen, hoch- und runtergespielt – mit ‚Fight the Power’ oder ‚Night of the Living Baseheads’.“

Seine Erinnerungen an den Abend: „Wir hatten uns auf dem Viehmarkt getroffen – und der ganze Vorplatz war voll. Gefühlt waren dreiviertel der Leute Soldaten von der Base. Und wir dachten uns: ‚Cool, das wird eine super Party’ – mit unseren Public-Enemy-Aufnähern auf der Bomberjacke, mit bösen Blicken und unseren 15, 16 Jahren, umgeben von 1,90-Meter-Kanten.“ Einem seiner Kumpel sei von hinten auch noch die gerade besorgte Karte aus der Hand gerissen worden.

Sie gingen in die Halle, schauten sich die Vorband an. „Dann haben wir gesehen, dass von der Airbase viele MPs da waren (Anm.: amerikanische Militärpolizei), um für Ordnung zu sorgen. Ich kann mich noch gut erinnern: Typisch für Public Enemy war am Anfang immer das Sirenengeheul. Die Sirenen fingen also an, wir waren ganz aufgeregt – ich bekomme jetzt noch Gänsehaut, wenn ich davon erzähle – und dann ging die Nebelanlage an, und es kamen die ‚Security of the First World’ auf die Bühne, also Tänzer im Camouflage-Outfit mit schwarzem Barrett. Ich kann es nicht mehr 100-prozentig sagen, aber ich glaube, sie kamen mit Maschinenpistolen an, drehten sich bei einem speziellen Marsch, und dann hörten wir Schüsse – wahrscheinlich vom Band oder vielleicht waren es auch Platzpatronen. Auf einmal duckten sich jede Menge Leute, weil sie dachten, es würde wirklich geschossen. Ich wusste gar nicht, was los ist.“ Im vorderen Bereich sei es auch durchaus rustikaler zugegangen. „Auf der obersten Box stand Flavor Flav, mit seiner Riesen-Uhr um den Hals, er hat seinen Flavor-Flav-Dance gemacht – und da ging es los. Es war sehr ruppig, wurde viel gesprungen. Die Stimmung war auch etwas aggressiver. Ich glaube, die MP hatte auch mal eingegriffen, wenn ich mich richtig erinnere – da bin ich als 16-Jähriger doch mal lieber an den Rand, war mir etwas zu heikel“, erinnert sich Patrik Honegr. „Aber es war ein tolles Konzert, das hat richtig Spaß gemacht – das werde ich nie vergessen.“

Zur Band: Als Public Enemy 1990 nach Trier kam, waren sie so ziemlich am Höhepunkt ihrer Karriere. Zwei Wochen zuvor war „Fear of a Black Planet“ erschienen, das wie der Vorgänger „It Takes a Nation of Millions to Hold Us Back“ (1988) zu den wichtigsten Alben des Genres zählt. In den „Top 500 der besten Alben aller Zeiten“ des „Rolling Stone“-Magazins ist „It Takes a Nation...“ das am höchsten platzierte Hip-Hop-Album. Den Song „Fight the Power“ bezeichnete Superstar  Prince mal als Inspiration.

 Früher Veranstalter, seit Jahren Ladenbesitzer: Ingo Popp, hier in seinem Kaufhaus, holte viele Stars auf die Bühnen der Region.
Früher Veranstalter, seit Jahren Ladenbesitzer: Ingo Popp, hier in seinem Kaufhaus, holte viele Stars auf die Bühnen der Region. Foto: TV/Andreas Feichtner

Was geschah danach? Public Enemy sind heute noch aktiv – politisch und musikalisch. Chuck D war zudem noch vor drei Jahren mit „Prophets of Rage“ in der Region – als einer der Headliner bei Rock am Ring und in der Rockhal. Die Supergroup mit Musikern von Rage Against the Machine und Cypress Hill (die spielten 1996 übrigens auch mal in der Europahalle) benannte sich nach einem Stück von Public Enemy.

TV-Kritik: Unter der Überschrift „Bürstenschnitt und Baseballjacken“ schrieb der Volksfreund über das Konzert: „Die Frontmen Chuck D. und William Drayton (=Flavor Flav) verkündeten im Sprechgesang ihre ‚Weisheiten für die Kids auf der Straße’. Nicht eine Sekunde lang ruhten ihre zuckenden Körper, eine stete Anmache für die Fans. (...) Der Großteil des Publikums waren GIs aus den US-Stützpunkten im Raum Trier, kritisch beäugt von einigen Militärpolizisten. (...) Auf die Amerikaner wirkte die Rap-Show, in der Tänzer in schwarzen Kampfanzügen als eine Art Go-Go-Boys auftraten, wie ein Aufputschmittel.“

 Public Enemy 1990 in der Europahalle Trier.
Public Enemy 1990 in der Europahalle Trier. Foto: TV/TV-Archiv unbekannt

In der Serie „Was für eine Show“ berichten wir über besondere Konzerte in der Region.
Viele Leser sind unserem Aufruf gefolgt und haben uns Erinnerungen an tolle Konzerte geschickt – von „The Sweet“ im Treviris-Saalbau über die  „Lords“ im Apollo-Theater Trier, von einem legendären Punkkonzert 1995 in Wiltingen bis zu den frühen BAP-Konzerten in der Region, etwa in Gerolstein (darum geht’s im nächsten Teil der Serie!).
Wer an diese oder andere Konzerte gerne erinnert: Schicken Sie bitte Ihre Konzert-Geschichte an
a.feichtner@volksfreund.de