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Vinyl der Woche: Ideal – Ideal

Vinyl der Woche: Ideal – Ideal : Vom Reichstag ins Schloss Bellevue

Am 28. Oktober wird Annette Humpe 70 Jahre alt. Wie sie es zu einer der besten deutschen Produzentinnen geschafft hat – und was ein Trierer und das Album Ideal damit zu tun haben.

Die Berliner Morgenpost titelt am 31. August 1980: „Das Musik-Festival vor dem Reichstag schlug alle Rekorde“. Mehr als 100 000 Berliner strömen damals zu einem Konzert vor den Reichstag. Auf der Bühne: die damals 29-jährige Annette Humpe und ihre Band Ideal. Doch die Menschenmassen sind nicht nach Berlin gepilgert, um Ideal zu sehen – naja, zumindest nicht hauptsächlich.

Denn Ideal ist beim Open-Air-Konzert nur eine der Vorbands der englischen Pop-Legenden Barclay James Harvest. Und dennoch verändert dieser Tag das Leben von Annette Humpe, die heute 70 Jahre alt wird. Denn durch den Auftritt gehen Ideal einen großen Schritt zu einer medialen Präsenz, die sie in dieser Form noch nicht kennen. In der Tagesschau wird die Band ausgiebig vorgestellt.

Das legt den Grundstein für das Album Ideal, das bis Juni 1981 bis auf Platz drei der deutschen LP-Charts steigt. In der West-Berliner Band, die zu einem der Vorreiter der Neuen Deutschen Welle gehört, spielt Humpe gemeinsam mit dem Trierer Bassisten Ernst Ulrich Deuker. Gemeinsam gehen sie auf eine ausverkaufte Tour, erhalten für Ideal und Der Ernst des Lebens Goldene Schallplatten, bevor sich die Band 1983 auflöst.

Klingen andere Songs der Neuen Deutschen Welle heute teilweise peinlich, setzt sich Ideal vor allem mit ihrem Debütalbum diesem Makel nicht aus. Hits wie Berlin oder Irre sind zwar keine Meisterwerke der Musikgeschichte, können aber auch heute noch ohne Fremdscham auf jeder Party laufen. Und das soll für die NDW schon was bedeuten. Blaue Augen dürfte sogar mit der beste NDW-Song sein. Auch das Cover ist noch heute ein Hingucker: Ein gezeichnetes Hemd, das sich eine Krawatte bindet. Nicht ausgefallen, klar. Aber eines, das in keiner Plattensammlung mit NDW-Verbindung fehlen darf.

Während Ideal für die übrigen Bandmitglieder wohl der größte Karriereerfolg sein sollte, fängt Annette Humpe erst richtig an. 1983 beginnt ihre Karriere als Produzentin, sie schreibt den Hit Codo für die Band DÖF. Es folgen in den Achtzigern Produktionen für Rio Reiser, in den Neunzigern für Die Prinzen und bis 2004 unter anderem für Udo Lindenberg und Nena.

Foto: picture alliance/dpa/Bernd von Jutrczenka

Doch Annette Humpe will zurück ans Mikrofon. Also gründet sie 2004 mit Adel Tawil die Formation Ich + Ich. Mit Vom Selben Stern (2007) schaffen Humpe und Tawil eines der erfolgreichsten deutschsprachigen Popalben der 2000er-Jahre. Seit Happy Nation von Ace Of Bace (1990) ist es das erste Album, das ein Jahr lang in den Top-Ten der deutschen Album-Charts verweilt. 2010 trennen sich Humpe und Tawil wieder.

Daraufhin arbeitet sie zum ersten Mal mit einem ausgebildeten klassischen Sänger zusammen: Für Max Raabe produziert sie das Album Küssen kann man nicht alleine. So sieht Vielfalt aus.

Annette Humpe ist zweifelsfrei eine der besten und erfolgreichsten Produzentinnen, die Deutschland jemals hervorgebracht hat. 2011 erhält sie den Echo Pop für ihr Lebenswerk, 2018 überreicht ihr Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das Bundesverdienstkreuz (siehe Foto). Was vorm Reichstag anfängt, findet seinen Höhepunkt im Schloss Bellevue.