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Aufnahmestopp für Ausländer bei Essener Tafel
"Ich würde das wieder so entscheiden"

Seit Mittwoch dürfen sich Ausländer wieder als Neukunden bei der Essener Tafel registrieren. Vor etwa drei Wochen hatte die Organisation einen vorübergehenden Aufnahmestopp verhängt. Ein Besuch an der Steeler Straße. Antje Seemann, Essen

Kurz vor neun Uhr an der Steeler Straße in Essen: Vor der Tafel stehen die Leute Schlange. Etwa 50 Menschen wollen sich als Neukunden für die Essensausgabe registrieren lassen. Unter den Wartenden sind auch Menschen, die keinen deutschen Pass haben. Sie dürfen seit Mittwoch zum ersten Mal wieder hoffen, aufgenommen zu werden.

Vor drei Monaten hatte die Essener Tafel entschieden, vorübergehend keine Ausländer mehr aufzunehmen, nachdem es an der Ausgabe zu Problemen gekommen war. Kunden hatten von rüpelhaftem Verhalten einiger Ausländer berichtet, die Tafel sprach von einem Ausländeranteil von 75 Prozent unter ihren Kunden.

Ein Mitarbeiter der Tafel öffnet die Tür, die Kunden treten ein. Als der letzte Wartende verschwunden ist, tritt Jörg Sartor, der Chef der Essener Tafel, vor die Tür. Das Mengen-Verhältnis habe sich deutlich verbessert, sagt er. Mehr als die Hälfte der Tafel-Kunden hätten nun einen deutschen Pass. Die lange Warteschlange am Morgen sei nichts Ungewöhnliches gewesen, Anfang des Monats kämen immer viele Menschen. "Ob die alle eine Karte bekommen, kann ich jetzt nicht sagen. Das kommt ja auch darauf an, ob sie die Voraussetzungen erfüllen." Einen deutschen Pass zu haben, gehört nun nicht mehr dazu.

Das sagen Tafel-Kunden

Eine Frau mit Kopftuch kommt als eine der ersten wieder aus der Tafel. Sie wirkt erleichtert. Die Frau hat eine Berechtigungskarte bekommen. "Das ist eine große Hilfe und Unterstützung. Ich stand seit sieben Uhr an, und heute hat alles gut geklappt", sagt sie. Ursprünglich kommt die Frau aus Tunesien, in den vergangenen Wochen war sie weggeschickt worden.

Eine andere Frau, die aus der ehemaligen Sowjetunion stammt, hatte am Mittwoch kein Glück. Sie muss ohne Karte nach Hause. Sie sei zu spät gekommen, berichtet sie.

Valentina ist 66 Jahre alt und vor 20 Jahren aus Kirgisistan nach Deutschland gekommen. Sie lebt schon viele Jahre in Essen, hat einen deutschen Pass, fühlt sich als Deutsche, als Essenerin, erzählt sie. Manchmal reiche die kleine Rente nicht bis zum Monatsende. "Ich freue mich über ein bisschen Hilfe." Probleme mit den anderen Wartenden hatte sie am Mittwoch nicht. "Die waren alle ganz freundlich. Es gab keine Schubserei."

"Man musste etwas machen"

Die 62-jährige Christa geht schon seit 15 Jahren zur Essener Tafel. Ein Jahr vorher hatte sie die Diagnose Parkinson erhalten. Die Unterstützung der Tafel hilft ihr, mit dem wenigen Geld aus der Erwerbsunfähigkeitsrente zurechtzukommen. "Man musste etwas machen", sagt sie, auch wenn sie die Situation nicht als "so extrem" empfunden habe. "Viele Ausländer waren bei der Essensausgabe auch hilfsbereit. Wenn ich in dem Gedränge nicht gut stehen konnte oder mir etwas heruntergefallen ist, waren die oft schnell da, um zu helfen. Natürlich waren auch mal Freche dabei. Das gibt es ja aber auch bei den Deutschen", erzählt sie.

Damit das Verhältnis zwischen Deutschen und Nicht-Deutschen langfristig ausgewogen bleibt, hat die Essener Tafel neue Regelungen beschlossen. Künftig sollen in Krisenzeiten Eltern, Alleinerziehende und Senioren bevorzugt das Hilfsangebot nutzen können. "Ich bin sicher, dass die neuen Kriterien greifen", sagt Sartor. Er hoffe, einen erneuten allgemeinen Aufnahmestopp für Ausländer verhindern zu können. Die Entscheidung, die die Tafel vor rund drei Monaten traf, sei allerdings richtig gewesen. "Ich bereue das nicht und würde das wieder so entscheiden." Sartor war nach dem vorübergehenden Aufnahmestopp von vielen Seiten scharf kritisiert worden – auch von Politikern. Mittlerweile habe aber ein Umdenken stattgefunden, findet er. "Man muss auch die Menschen vor Ort hören."