Jeder ist gefragt

Es hat in den vergangenen Jahren zweifellos positive Entwicklungen für behinderte Menschen gegeben: Das Gesetz zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit Schwerbehinderter, der Paradigmenwechsel weg von der Fürsorge hin zur Selbstbestimmung im Sozialgesetzbuch, das Behinderten-Gleichstellungsgesetz - sie alle sollen Betroffenen ein weitgehend "normales" Leben ermöglichen. Doch diese Bemühungen sind an der Masse der Nicht-Behinderten vorüber gegangen. Hand aufs Herz: Wohl die meisten von uns begegnen dem Rollstuhlfahrer im Wartezimmer und der blinden Nachbarin mit einem gewissen Mitleid, betrachten sie als hilfsbedürftige Schwächere. Und haben Sie sich nie Gedanken darüber gemacht, dass gerade das diese Menschen vielleicht kränkt. Viele von ihnen wollen nämlich nur eins: als gleichwertige Partner anerkannt werden. Wenn sich diese Sichtweise durchsetzen könnte, würden sich alle Gesetze zur Verbesserung der Situation Behinderter von selbst erledigen. Getreu dem Spruch "Man ist nicht behindert, man wird nur behindert" wären dann Rampen für Rollstuhlfahrerebenso selbstverständlich wie ein barrierefreies Internet oder Blindenleitsysteme an Bahnhöfen. Beeinträchtigte Menschen bräuchten weniger Hilfe und könnten ein deutlich selbstbestimmteres Leben führen. Dass eine Behinderten-freundlichere Gesellschaft finanzierbar ist, machen uns nicht nur andere europäische Länder wie Schweden vor. Experten verweisen auch immer wieder darauf, dass Menschen mit Handicaps ein enormer Wirtschaftsfaktor sein könnten - wenn man sie ließe. Noch etwas: Schon zahlenmäßig sind Behinderte eine nicht zu vernachlässigende Größe: 6,6 Millionen Deutsche, also fast acht Prozent der Bevölkerung, leben mit einer körperlichen, mentalen oder psychischen Beeinträchtigung. Und es werden nicht, wie gelegentlich zu hören ist, durch Pränataldiagnostik und damit verbundene Abtreibungen deutlich weniger werden: Mehr als 90 Prozent aller Behinderungen entstehen im Laufe des Lebens - durch Krankheiten oder bei Unfällen. Bis sich das Bewusstsein vom behinderten Menschen als gleichberechtigtem Partner durchsetzt, werden noch eine Menge staatlicher Regelungen wie das von Betroffenen mit Nachdruck geforderte Anti-Diskriminierungs-Gesetz verabschiedet werden müssen. Doch eine tiefgreifende Veränderung ist nicht in erster Linie Sache der Politiker. Dazu kommt es auf die Einstellung jedes Einzelnen an. i.kreutz@volksfreund.de