Neue Ideen, keine Klagelieder

Die Deutschen sind nicht nur Weltmeister im Reisen und im Bier trinken, sondern vor allem im Jammern. Jetzt ist wieder Gerd Sonnleitner dran. Im Vorfeld des heute beginnenden Deutschen Bauerntages hat der oberste Landwirt einmal mehr das Ende der bäuerlichen Familienbetriebe beschworen, die Brüsseler Beschlüsse zur Agrarreform gegeißelt und eigene Vorschläge für die längst überfällige Neuorientierung bei Beihilfen und Produktionsförderung angekündigt. Warum erst jetzt? Warum reagiert der Deutsche Bauernverband immer erst hinterher? Warum lässt er sich treiben und wird nicht im Vorfeld mit praktikablen, vernünftigen Vorschlägen aktiv? Irgendwie erinnert die Organisationsspitze der deutschen Landwirtschaft derzeit fatal an die Bosse einiger Gewerkschaften, die immer noch in blumigen Reden und rosaroten Träumereien den allumfassenden Sozialversorgungsstaat propagieren. Ein Land, in dem der Staat für die Wohlfahrt und die Gewerkschaften für hohe Löhne und immer mehr Freizeit zuständig sind. Flächendeckend selbstverständlich und ohne Rücksicht auf regionale, finanzielle oder strukturelle Unterschiede der Betriebe. Genau so geht es dem Deutschen Bauernverband. Er begreift sich als Wahrer der bäuerlichen Familienbetriebe und soll in Wirklichkeit die Interessen der Massentierhalter ebenso vertreten wie die der Nebenerwerbslandwirte im Hunsrück oder eines mittelgroßen, umweltbewusst wirtschaftenden Betriebes in der Eifel. Dabei haben die Produktionsgrundlagen der einen mit der Wirklichkeit der anderen Gruppe nicht das Mindeste zu tun. Schlimmer noch: Setzen sich die Großen durch, ruinieren sie damit in aller Regel die Kleinen, und das sind die Familienbetriebe. Und die Großen sitzen bezeichnenderweise da, wo Gerd Sonnleitner die gravierendsten Einbußen etwa bei den Milchbauern befürchtet, in Mecklenburg-Vorpommern oder Sachsen. Höfe mit zum Teil Tausenden von Tieren, allein schon von der Größe her überhaupt nicht vergleichbar mit Betrieben im Allgäu oder im Westerwald. Wie soll bei derart krassen Unterschieden ein- und derselbe Verband einen für alle tragbaren, gerechten Ausgleich schaffen? Den hat allerdings EU-Kommissar Franz Fischler vor Augen, wenn er endlich die Zahlung von Beihilfen von der Produktion abkoppeln will. Denn bisher galt die Devise: Wer viel produziert, bedient sich an vielen Subventionstöpfen. Satt wurden dabei die Großen, nicht die Kleinen. Deshalb wäre der Bauerntag auch eine gute Gelegenheit, nicht nur mit der Politik in Berlin und Brüssel Fraktur zu reden, sondern auch ernsthaft und ehrlich darüber zu diskutieren, ob der Verband überhaupt einen derart komplexen Berufsstand mit völlig unterschiedlichen Betriebsgrößen, Produktionsweisen und Sparten und vor allem mit derart gegensätzlichen Interessen angemessen vertreten kann. Die Antwort lautet ehrlicherweise: Nein. So wenig wie das eine IG Metall oder eine Riesengewerkschaft wie Verdi flächendeckend kann. Gefragt sind also auch bei den Bauernfunktionären neue Ideen und keine alten Klagelieder. d.schwickerath@volksfreund.de