| 18:13 Uhr

Polizei zu Fake News über Amokfahrt
"Spekulationen schüren die Unsicherheit"

Düsseldorf/Münster. Gerüchte und Spekulationen machten am Samstag schon die Runde, als Helfer noch die Opfer der Amokfahrt in Münster versorgten. Die Polizei appellierte mehrfach an die Vernunft der User. Wir haben mit einem Hauptkommissar gesprochen, der im Einsatz war. Franziska Hein

Gerüchte und Spekulationen machten am Samstag schon die Runde, als Helfer noch die Opfer der Amokfahrt in Münster versorgten. Die Polizei appellierte mehrfach an die Vernunft der User. Wir haben mit einem Hauptkommissar gesprochen, der im Einsatz war.

Vor dem Restaurant "Großer Kiepenkerl" wurden noch die Opfer der Amokfahrt versorgt, da brach sich im Internet schon der Hass Bahn. Kaum eine Stunde nach Bekanntwerden der Tat, als die Lage noch unübersichtlich und keine Details zu Täter und Motiv bekannt waren, twitterte die AfD-Politikerin Beatrix von Storch "Wir schaffen das!" mit einem zornigen Emoji dahinter. CSU-Politiker Markus Blume forderte daher heute den Rücktritt der Bundestagsabgeordneten.

Und selbst als bekannt war, dass es sich bei dem Täter um Jens R., einen 48-Jährigen Deutschen handelt, twitterte AfD-Politiker André Poggenburg, bei dem Mann solle es sich angeblich um einen zum Islam Konvertierten handeln und deutsche Medien würden das verschweigen.

Zu diesem Zeitpunkt hatte die Münsteraner Polizei auf Twitter schon darum gebeten, keine Gerüchte über soziale Medien zu verbreiten.

Am Montag dementierte die Polizei auf Twitter, dass es ein Bild des Täters gebe. Im Netz kursierte ein Screenshot eines österreichischen Nachrichtensenders, das den vermeintlichen Täter zeigen soll. "Wir veröffentlichen kein Foto des Täters", sagt der Leiter der Pressestelle Roland Vorholt (60). Der Hauptkommissar war selbst am Wochenende im Einsatz und hat in den beiden Nächten nur jeweils dreieinhalb Stunden geschlafen. Ansonsten war er damit beschäftigt, die Informationen und die öffentliche Kommunikation zu koordinieren.

Tweets schüren Unsicherheit

"Ich kann nicht sagen, dass falsche Tweets unsere Arbeit erschweren, aber sie sind aus zwei Gründen nicht hilfreich", erklärt Vorholt, der seit fünf Jahren die Pressestelle leitet. Zum einen seien unter den vielen geteilten Videos und Bildern vom Tatort möglicherweise auch Informationen, die für die Ermittler interessant seien.

Daher hatte die Pressestelle auf ein Portal des Bundeskriminalamts hingewiesen, in dem Nutzer ihr Material hochladen können. Zum anderen schürten die Spekulationen die Unsicherheit. Obwohl die Polizei früh gemeldet habe, über den Hintergrund der Tat noch nichts zu wissen, wurde in den sozialen Medien munter über einen islamistischen Hintergrund spekuliert, der Täter fälschlicherweise als "Kurde" identifiziert.

In mehreren Tweets wollte die Polizei dem einen Riegel vorschieben. "Wir machen uns keine Illusionen, dass wir bestimmen könnten, was Menschen ins Netz stellen und was nicht", sagt Vorholt. "Wir erreichen mit unseren Appellen nur diejenigen, die ohnehin vernünftig damit umgehen. Die anderen erreichen wir gar nicht." Dennoch sei es ihm und seinen Kollegen wichtig gewesen, darauf hinzuweisen, wenn Informationen nicht stimmen.

Kein Platz für Emotionen

Wie man im Krisenfall auch über Social Media mit den Bürgern kommuniziert, sei schon häufiger geübt worden. Als Vorbild dient dabei die Öffentlichkeitsarbeit des Münchner Polizeipräsidiums nach dem Amoklauf in einem Einkaufszentrum im Juli 2016. "Natürlich haben wir uns gewünscht, dass die Trockenübungen niemals zur Realität werden."

Die professionelle Distanz zu wahren, sei ganz wichtig, sagt Vorholt. "Ich bin seit 40 Jahren Polizist, ich habe gelernt, in unterschiedlichen Situationen konzentriert zu bleiben." Für Emotionen sei da kein Platz.

Nur im Auto, auf dem Weg nach Hause, um sich auszuruhen, habe er alles im Geiste noch einmal durchdacht. "Ich war erleichtert, dass die Evakuierung, die Versorgung der Verletzten und die Durchsuchungen ohne Komplikationen geklappt haben." Neben der Erleichterung habe er aber auch ein positives Gefühl gespürt: "Als Münsteraner ging mir dir Anteilnahme in der Stadt nahe."