Vertuschungspraxis holt die Kirche ein

Vertuschungspraxis holt die Kirche ein

Erneut sind zwei Trierer Bistums priester mit Missbrauchsvorwürfen konfrontiert. Die mutmaßlichen Vorfälle liegen zwar lange zurück. Aber zumindest in einem Fall dürften die Verantwortlichen im Generalvikariat nicht sonderlich überrascht gewesen sein. Der beschuldigte Priester war bereits aktenkundig.

Trier. Wer sich als katholischer Priester in der schlechten, alten Zeit einen deftigen Fehltritt erlaubt hat, der konnte in der Regel offenbar auf seine Vorgesetzten im Trierer Generalvikariat vertrauen. Statt den Angestellten zu feuern oder - je nach Schwere des Vorwurfs - der Polizei zu melden, wurden die Geistlichen einfach versetzt.

Ein Hinweis in der Personalakte



Das war im Fall eines Gerolsteiner Kaplans so, der in den 1960er Jahren in eine Trierer Pfarrei beordert wurde, nachdem er sich in der Eifel an einem Jugendlichen vergriffen hatte. Und das war offenbar auch der Fall bei einem jetzt mit Missbrauchsvorwürfen konfrontierten 69-jährigen Priester aus dem Saarland.
Der zuletzt in Lebach-Gresaubach tätige Pastor ist suspendiert, seit sich ein Opfer an die Missbrauchsbeauftragte des Bistums Trier gewandt hat - vier Jahrzehnte, nachdem der damals elfjährige Messdiener in der Trie rer Pfarrei Herz Jesu mehrfach von dem damaligen Kaplan missbraucht worden sein soll: in der Kirche, bei Freizeiten und anderswo.
Der junge Messdiener war offenbar nicht das einzige Opfer des mutmaßlichen Kinderschänders im Priestergewand. Auch an seiner nächsten Kaplanstelle soll sich der Mann in den 1970er Jahren an einen Messdiener herangemacht haben. Jedenfalls ist in der Personalakte des Priesters von "Hinweisen auf sexuelle Übergriffe" die Rede.
Das allerdings fiel erst jetzt auf, nachdem aus aktuellem Anlass die Akte von den Bistumsverantwortlichen überprüft wurde. Die Konsequenz in den 1970ern: Der Geistliche wurde zunächst Krankenhauspfarrer, bevor er 1990 eine eigene Pfarrei im Saarland bekam. Ein ähnliches Prozedere wie im Fall des Gerolsteiner Kaplans, der in den 1960er Jahren in eine Trierer Pfarrei versetzt wurde, wo er zahlreiche weitere Messdiener missbraucht haben soll.
Ob sich auch der saarländische Priester später noch an anderen Minderjährigen vergangen hat, wird noch von der Trierer Staatsanwaltschaft geprüft. Den Missbrauch in seiner Trierer Kaplanzeit hat er nach Angaben von Bischofssprecher Stephan Kronenburg zugegeben. "Diese Vorfälle sind verjährt", sagt Triers Leitender Oberstaatsanwalt Jürgen Brauer. "Aus heutiger Sicht war es sicher ein Fehler, dem Beschuldigten damals die Leitung einer Pfarrei anzuvertrauen", sagt der Trierer Generalvikar Georg Holkenbrink und fügt hinzu: "Von Missbrauchsfällen aus der Pfarrer-Zeit des Priesters ist dem Bistum nichts bekannt."
Kein gnädiges Wegschauen mehr


Aus diesen Worten ist die Hoffnung herauszuhören, dass es dabei auch bleiben möge. Denn sollten nach Bekanntwerden des Falls nun zusätzliche Missbrauchsvorwürfe erhoben werden, wären diese ein weiteres Indiz für die einstige Verharmlosungs- und Vertuschungspraxis im Generalvikariat. Vorwürfe, die den heute Verantwortlichen im Bistum Trier nicht mehr zu machen sind. Seit der Missbrauchsskandal Anfang vergangenen Jahres hochkochte und Triers Bischof Stephan Ackermann zum Missbrauchsbeauftragten der katholischen Kirche ernannt wurde, werden die Übergriffe von Priestern mit bis dato nicht gekannter Offenheit thematisiert, kümmert sich die Kirche auch um Opfer und Prävention, werden die Täter dem Staatsanwalt gemeldet und auch kirchenrechtlich sanktioniert. Das gilt auch für die beiden saarländischen Priester, deren sexuelle Übergriffe erst jetzt bekanntgeworden sind. Sie wurden von der Ausübung ihres Dienstes suspendiert, dürfen keine Messen mehr feiern und auch an keinen Veranstaltungen ihrer Pfarreien mehr teilnehmen. Parallel zu den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft hat das Bistum auch eine kirchenrechtliche Untersuchung eingeleitet, über mögliche Sanktionen entscheidet am Ende der Vatikan.
Auf das gnädige Wegschauen seiner Vorgesetzten kann inzwischen kein katholischer Priester mehr vertrauen.Extra

Täter im Priestergewand: Wie viele katholische Geistliche haben sich im Bistum Trier in den vergangenen Jahrzehnten an Kindern und Jugendlichen vergangen? Bischofssprecher Stephan Kronenburg verweist als Antwort auf das ausstehende Gutachten des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, das sich unter anderem mit dieser Frage befasse. Die letzte offizielle Zahl ist eineinhalb Jahre alt. Seinerzeit sprach der damalige Trierer Missbrauchsbeauftragte Rainer Scherschel von Vorwürfen gegen 20 Priester. Alle Übergriffe sollen sich in den Jahren 1950 bis 1990 ereignet haben. Die Hälfte der Beschuldigten war damals schon verstorben. sey