Ein weißes Tuch und ihr Ehrenwort

Ein weißes Tuch und ihr Ehrenwort

Der 24. Februar 1945 hat sich tief in mein Gedächtnis gebrannt. Das war der Tag, als die amerikanischen Panzer Kurs auf mein Heimatdorf Rittersdorf nahmen und meine Cousine Maria das Dorf vor Schlimmerem bewahrte.

Kaum einer weiß noch, was sich damals in dem ersten Haus des Dorfes im Nord-Westen abgespielt hat. An jenem Vormittag hörten die Rittersdorfer, wie Jagdbomber der amerikanischen Streitkräfte - so genannte Jabos - im Tiefflug über ihr Dorf kreisten und rechts und links Schüsse platzierten. Voller Sorge, dass auf die Jabos bald die Panzer nachziehen könnten, flüchtete ich, damals 13 Jahre alt, mit meiner ganzen Familie in das Haus meines Onkels Johann Zimmer, ehemaliger Schulmeister. Dort verkrochen wir uns zu acht im Keller, auf Kartoffeln liegend, der Dinge harrend, die zu kommen drohten. Draußen vor dem Haus hatten sich unter einem Birnbaum drei deutsche Soldaten mit Maschinengewehren platziert, als amerikanische Soldaten heraufzogen. Das Haus stand damals noch recht einsam am Ortseingang im Nord-Westen und war das erste, das die Amerikaner von Rittersdorf zu sehen bekamen. Sie hielten es für einen Beobachtungsposten, zumal die am Boden liegenden Soldaten sporadisch Feuerstöße sendeten. Die prompte Geschützantwort der Amerikaner sollte folgen. Drinnen im Keller forderte Onkel Zimmer mich und die übrigen Familienmitglieder auf, uns schon einmal auf den Tod vorzubereiten. Betend, ständig weinend versuchte ich, mit der Situation fertig zu werden. Die Lage spitzte sich immer weiter zu.Onkel Zimmer dirigierte alle in den am Haus gelegenen Wassergraben. Flach im Graben liegend, den Kopf nach unten, glaubten wir zunächst, vor den Granaten der Amerikaner sicher zu sein. Panisch zogen wir uns wieder zurück in den Keller, inzwischen hatten die Granaten bereits ein Drittel unseres Hauses zerstört, der Dachstuhl brannte. In dieser ausweglos scheinenden Situation ergriff Onkel Zimmer einen Entschluss: Das weiße Leinentuch - dieses gab er Maria, seiner Tochter, die als einzige das Gymnasium besucht hatte und Englisch sprach: "Geh damit hinaus und sprich mit ihnen..." Ich konnte es nicht glauben, dass meine Cousine Maria, damals 31, das Leinentuch und ihren ganzen Mut fasste und tatsächlich den fremden Soldaten aus Übersee vor den Panzer trat. Sie hatte all ihre Courage zusammen genommen. "Kommt alle raus, kommt alle raus. Ihr braucht keine Angst mehr zu haben!", rief Maria einige Zeit darauf. Sie hatte es geschafft! Ich kroch aus dem Keller heraus, lief nach oben - vorbei an einem der deutschen Soldaten, der wahrscheinlich von einem durch den Granatenhagel abgestürzten schweren Ast erschlagen worden war. Das Schießen hatte nun ein Ende. Die anderen beiden Soldaten standen ebenfalls auf und ergaben sich. Die Amerikaner zogen weiter ins Dorf und wir machten uns an das Löschen des Daches. "Was hast du denen erzählt?", fragte ich meine Cousine Maria später, immer noch schluchzend. "Dass niemand in Rittersdorf auf die Amerikaner schießt. Darauf musste ich ihnen mein Ehrenwort geben. Wenn es nicht stimme, dann sei ich dran." Dass womöglich die ganze Familie das Gegenteil ihrer Behauptung nicht überlebt hätte, wagte Magdalena sich nicht vorzustellen. Durch ihren Mut hatte Maria Zimmer einen Panzerbeschuss von Rittersdorf verhindert. Drei Tage hatten die Amerikaner für die Einnahme des Eifelortes eingeplant, drei Stunden hatten sie benötigt. Außer einigen Sicherheitsschüssen auf Innenhöfe der großen Landwirte verlief der Einzug der Amerikaner friedlich. Sie hatten sich auf Maria verlassen. Wie durch ein Wunder ist keinem Rittersdorfer etwas passiert. "Matthias hat uns das Leben gerettet", sagte mein Vater später immer wieder - denn der 24. Februar ist dem Heiligen Matthias gewidmet. Ich bin überzeugt, dass es der Heilige Matthias und meine Cousine Maria waren. Lena Wirtz ist heute 72 Jahre alt und lebt immer noch in Rittersdorf. Ihr Cousine Maria ist inzwischen verstorben.

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