Weihe frei von Weihrauch

KONZ. Ein Kirchen-Neubau ist in der Region eine Rarität. Die Neuapostolische Gemeinde in Konz wagte den mutigen Schritt. Das neue Gebäude steht in der Römerstraße 208. "Offen für alle", heißt es.

In der Konz-Karthäuser Römerstraße, rund 50 Meter hinter der Häuserlinie, steht das Gebäude: in Weiß, unkonventionell mit seinem Schrägdach und an der Wand das Signet der Neuapostolischen Kirchengemeinde, ein stilisierter Sonnenaufgang mit Kreuz. Der Versammlungsraum im Innern strahlt eine Atmosphäre nüchterner Freundlichkeit aus: weiße, bilderlose Wände, farbige Glasfenster an der Front und dazu der architektonische Kunstgriff des Schrägdachs, der aus wenigen Kubikmetern Volumen einen hohen Raum zaubert. "Wir hatten keinerlei religiöse Vorgaben", sagt Architekt Alexander Schwehm aus Saarlouis, der auch Kirchenbauten anderer Konfessionen betreut. Ein Versammlungsraum also wie jeder andere. Fotografieren im Einweihungsgottesdienst? Aber selbstverständlich! Die Neuapostolische Kirche baut, jedenfalls nach eigenem Bekunden, keine religiösen Sperrbezirke, sondern gibt sich offen für alle. Weihehandlung fast beiläufig

Sogar zu einer solch einmaligen Veranstaltung wie der Kirchen-Einweihung bleibt der Gottesdienst erstaunlich sachlich. Unter Leitung von Organistin Sabine Schuhmacher musizierten der Chor und ein kleines Bläserensemble, die Gemeinde singt mit kräftiger Stimme das urprotestantische Lied "Nun danket alle Gott". Kirchenpräsident Hagen Wend, übrigens promovierter Jurist mit einschlägiger Berufserfahrung, predigt über Psalm 122, Vers sieben "Es möge Friede sein in deinen Mauern und Glück in deinen Palästen". Und vollzieht in dem anschließenden Gebet die Weihe des Raums fast beiläufig. Das Abendmahl wird allen gereicht, die daran teilnehmen wollen, sogar den Kindern. Und Beigeordneter Manfred Wischnewski von der Stadt Konz nimmt den Tonfall auf und spricht in seinen Grußworten von Toleranz, Respekt und Hochachtung. Die Neuapostolische Kirche sucht einen Weg jenseits der (aus ihrer Sicht) fest gefügten und teilweise erstarrten Strukturen der Traditionskirchen. Sie setzt nicht auf Ritus und Theologie, sondern auch auf die lebendige Nähe zu Gott, wie sie aus der Urkirche überliefert ist. Mit der Urkirche verbindet sie auch die Vorbereitung auf die Wiederkunft Christi und das Friedensreich Gottes. Neuapostolische Christen verstehen sich als offene Gemeinschaft und praktizieren diese fast ausschließlich im Ehrenamt - auch der Konzer Gemeindevorsteher Priester Hermann Schulz, der krank war und an der Feier nicht aktiv teilnehmen konnte. 70 Sitzplätze bietet der Versammlungsraum in der neuen Kirche, dazu einen Mutter-Kind-Raum, eine Empore und dahinter zwei weitere Räume. Das ist für die 90-köpfige Gemeinde in Konz ein knapper, aber offenbar ausreichender Raum. 14 Monate dauerte die Bauphase. Die Bau- und Grundstückskosten liegen bei 360 000 Euro. Zweimal wöchentlich, mittwochs und sonntags, finden jetzt im neuen Gebäude die Gottesdienste statt. Hinzu kommt eine intensive persönliche Seelsorge durch die ehrenamtlichen Mitarbeiter. Und tatsächlich: Die Nähe und die persönliche Verbundenheit der Gemeindemitglieder sind deutlich spürbar. Zugleich vermeidet man alle Anzeichen sektiererischer Abgrenzung. Am Ende ruft Hagen Wend eindringlich zur Toleranz auf und zu einem Bekenntnis ohne Fanatismus und Fundamentalismus. Am Ausgang verabschiedet die Kirchenleitung jeden - Gemeindemitglied oder Ehrengast - mit kräftigen Händedruck.

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