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Eine ganz steile Karriere

Eine ganz steile Karriere

Weißer Rauch über dem Kirchberg: Schneller als erwartet präsentieren die Luxemburger Philharmoniker ihren neuen Chefdirigenten, der im kommenden Jahr die Nachfolge von Emmanuel Krivine antreten soll. Der 37-jährige Gustavo Gimeno gilt als Shooting Star der internationalen Szene.

Luxemburg. So mancher ahnte wohl schon, dass das Luxemburg-Debüt von Gustavo Gimeno Anfang Mai kein normales OPL-Sinfoniekonzert war. "Wunderbar! Dieser Dirigent ist eine Entdeckung!", schwärmte TV-Kritiker Martin Möller mit gleich doppeltem Ausrufezeichen. Als der junge Spanier zwei Wochen später als Einspringer für Dirigenten-Legende Lorin Maazel die Münchner Philharmoniker auf dem Kirchberg zu einer Glanzleistung führte, attestierte ihm TV-Kritiker Dirk Tenbrock "große Hoffnungen auf eine eindrucksvolle Karriere".
So etwas kommt manchmal schneller, als man denkt. Die Luxemburger Philharmoniker haben sich die Dienste des jungen Mannes für vier Jahre gesichert, ab Sommer 2015 wird er Musikdirektor. Und so wie es aussieht, waren sie gerade mal noch schnell genug, bevor sich Gimeno in höhere Gefilde verabschiedet.
Denn der Dirigent mit dem Charisma eines Popstars - auch wenn sein erstes "offizielles" Luxemburger Foto die Seriosität betont - legt ein unglaubliches Tempo vor auf dem Weg in die Weltelite der Taktstock-Giganten. Noch bis 2013 war er ein hochqualifizierter Solist, spielte beim Amsterdamer Concertgebouw Orchestra am ersten Percussion-Pult. Nicht gerade das typische Sprungbrett in Richtung Dirigenten-Thron.
Aber Gimeno widmete sich nebenbei dem Dirigierstudium, absolvierte Meisterkurse - und fand mit Mariss Jansons einen Mentor, aus dessen Talentschmiede zuletzt Andris Nelsons ungebremst zum Weltstar durchgestartet war. Im Februar 2014 debütierte er als Maestro bei seinem "alten" Orchester in Amsterdam - und verschaffte sich mit wenigen Auftritten einen Ruf wie Donnerhall.
In das von OPL- und Philharmonie-Intendant Stephan Gehmacher ausgefeilte Profil passt der Valencianer Gimeno, als hätte man es eigens für ihn erstellt. Jung, aufstrebend, hungrig, ein Dirigent mit Perspektive, aber noch keinem Übermaß an externen Verpflichtungen: Da könnte die Rechnung aufgehen, dass der künftige Chef seinen eigenen Aufstieg und den des Luxemburger Klangkörpers miteinander verbindet.
Gehmacher spricht denn auch von einem "musikalischen Ausnahmetalent", und sein Verwaltungsratspräsident Pierre Ahlborn träumt schon davon, "gemeinsam mit Gimeno zu neuen Höhen zu finden". Der so Gelobte gibt die Komplimente artig zurück: Er freue sich "auf ein Orchester, das mit viel Engagement und Entschlossenheit an seiner Zukunft arbeitet" - und das in "einem der verführerischsten Konzerthäuser der Welt".
Kein Wunder, dass da auch die in den Auswahlprozess einbezogenen Musiker des bisweilen als sperrig geltenden OPL nicht abseits stehen wollen: "Wir sind zuversichtlich, den richtigen Dirigenten für uns gefunden zu haben", sagt Orchestersprecher Patrick Coljon.
Wer den Neuen live erleben will, muss sich nicht bis 2015 gedulden: Am 26. September geht der künftige Chefdirigent an seinem künftigen Einsatzort mit seinem künftigen Orchester auf eine virtuelle Entdeckungsreise in sein Heimatland Spanien.Extra

Gustavo Gimeno wurde 1976 in Valencia geboren. Von 2001 bis 2013 war er Principal Percussionist beim Concertgebouw Orchestra und sammelte Dirigier-Erfahrung als Assistent von Bernhard Haitink und Claudio Abbado, vor allem aber bei Mariss Jansons. Er lebt mit seiner Familie in Amsterdam. In der Saison 2014/15 gastiert er bei etlichen großen Orchestern.