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Musik, die atmet, denkt und fühlt

Musik, die atmet, denkt und fühlt

Dass er einer der ganz Großen seines Faches ist, bewies Andràs Schiff neuerlich in der Philharmonie. Dorthin war der Pianist und Dirigent mit der Capella Andrea Barca und Musik von Franz Schubert gekommen.

Luxemburg. Ein Konzert müsse ein Erlebnis sein, hat er einmal gefordert. Und daran hält er sich konsequent.
Einmal mehr war das Donnerstagabend in Luxemburg zu erfahren. Aus einem Schubert-Programm, dessen Stücke man seit langem zu kennen glaubt, machte Andràs Schiff ein einzigartiges, beglückendes Ereignis. In die Philharmonie war der ungarische Pianist mit der von ihm gegründeten Capella Andrea Barca gekommen, einem Orchester, dessen Mitglieder allesamt erprobte Kammermusiker sind.
Man muss sie nur anschauen, und schon ist klar, dass hier ein Mehrgenerationen-Orchester aus lauter eigenwilligen Musikerpersönlichkeiten mit Lust und Engagement gemeinsam am Werk ist.
Einheit aus Vielfalt


Genau jene Einheit aus der Vielfalt mag Schiff im Sinn gehabt haben, als er sein Ensemble zusammenstellte. Der kosmopolitische Ungar, der in London und Florenz lebt und dessen Leseleidenschaft bekannt ist, gilt als der Analytiker und Intellektuelle unter den Pianisten. Auch in der Philharmonie zeigt sich: Andràs Schiffs gestalterische Kraft kommt von innen, aus der Vernunft des Geistes und des Gefühls.
Und darin folgt ihm sein Orchester. Schiffs Schubert hat nichts von jener beliebten, sich selbst genügender Melodienseligkeit oder nebulöser Romantik. Dafür ist er klar, weit hinausweisend und durch und durch beseelt. Dirigent und Orchester machen die Zusammenhänge der Komposition ebenso deutlich wie ihre stilistischen Bezüge.
Fein, schlicht, im dunklen Anzug, der genauso elegant ist wie die Verbeugung seines Trägers, steht Schiff auf dem Podium. Kaum eröffnet das Orchester selbstbewusst Schuberts jugendliche 3. Sinfonie in D-Dur, kommt Bewegung in den Dirigenten. Schiff hat sich die Musik im Wortsinn angeeignet. Gestenreich, lebhaft und im ständigen Dialog mit seinen Musikern lebt er sie vor, wiegt sich mit ihr im Tanz, beschwichtigt sie und treibt sie an.
Großartig ist sein Gefühl für Dynamik und Instrumentenstimmen, seine Leichtigkeit und Anmut. Federleicht und ein wenig mutwillig kommt dieser junge Schubert daher.
Nicht weniger beeindruckt das Orchester in der Sinfonie Nr. 6 in C-Dur mit dem wunderbaren Thema im Andante und den Bläsern, die bei Schiff so verstörend klingen, dass sie schon Gustav Mahler vorwegzunehmen scheinen.
Zwischen den beiden Symphonien widmet sich der Pianist als Solist den "Moments musicaux No. 1 - 6" des Wiener Komponisten. Wunderbar, voll innerer Kraft ist sein Spiel. Schiff lässt die Musik atmen, denken, von innen leuchten und sich ganz auf sich selbst besinnen.
Vom "philosophischen Hören" hat einmal jemand mit Blick auf den Zuhörer gesprochen und dabei einen Musikvortrag gemeint, der Deutungsräume eröffnet. Genau das schafft Andràs Schiff. "In dieses Spiel kann man sich versenken", kommentiert zu Recht ein Zuhörer. 1100 Zuhörer applaudierten begeistert am Ende des Konzerts.