Voller Sternenstaub

Ein Abend, der weit hinausleuchtet: Begeistert und zuweilen atemlos haben etwa 800 Zuhörer in der Luxemburger Philharmonie Hilary Hahns faszinierendes Geigenspiel verfolgt.

Luxemburg. Wenn Hilary Hahn Johann Sebastian Bachs Partita Nr. 2 in d-Moll spielt, scheint die Zeit still zu stehen. Für einen Augenblick verdichtet sich alles Geschehen im Gefüge der barocken Tanzfolge, deren vielfältige Welt die Geigerin mit ihrem Spiel offenlegt. Den Sinn der Musik wolle sie im Klang hörbar machen, hat die 33-Jährige einmal gesagt, und genau das tut sie. Mit bezwingender Kraft, zuweilen mit Besessenheit spielt sie die Partita. Ihr Spiel macht die Innigkeit genauso hörbar wie die Einsamkeit dieses kleinen musikalischen Kosmos. Der Saal hält den Atem an. Niemand kann sich diesem betörenden Spiel entziehen.
Zugegeben: Zu Hilary Hahn geht man nicht nur wegen des musikalischen Genusses. Die Konzerte der "Wundergeigerin", die mit drei Jahren wusste, dass die Geige ihr Instrument war und die mit 28 Jahren für würdig befunden wurde, dem Papst zum Geburtstag aufzuspielen, besucht man, wie man zu aller Zeit das Wunder suchte. Man will einen Blick in jene genialen Höhen weit über dem durchschnittlichen Alltagsgeschehen erhaschen und ein wenig vom Sternenstaub abbekommen.
Und dann steht sie dort oben auf der Bühne, die Geigerin mit der wunderbaren Violine im mondänen champagnerfarbenen Abendkleid, unter dessen Rocksaum zuweilen die nackten Zehen anmutig im Takt wippen. Ein spannendes Programm haben die Geigerin und ihr Klavierpartner Cory Smythe mitgebracht, das den Bogen spannt von der Moderne zum Barock und zurück zu Neuromantik und Zeitgenössischem.
Ungeheure Ausdrucksvielfalt


Längst hat Hilary Hahn den reinen Schönklang hinter sich gelassen. Ihr feiner Strich versteht sich auch auf Dissonanzen und kann Spannung bis zum Zerreißen erzeugen - wie eingangs in der Miniatur des Amerikaners Elliott Sharp. Feine Melancholie klingt in David del Tredicis "Farewell" von 1937 mit. Arcangelo Corellis Sonate lässt schon Paganinis Virtuosentum ahnen.
Abwechslungsreich und schlüssig ist das Programm zusammengestellt. Es macht die Zusammenhänge musikalischer Entwicklungen genauso deutlich wie die ungeheure Ausdrucksvielfalt und musikalische Intelligenz der Geigerin. Hilary Hahns Geige vermag angstvoll zu zittern wie in Fieberschauern, kraftvoll zuzugreifen und betörend zu singen. Überhaupt bleiben die langen Melodielinien ihre große Stärke.
Ohne Frage: Eine der profiliertesten Geigerinnen dieser Zeit, eine Stargeigerin, ist an diesem Abend in die Philharmonie gekommen. Doch der Begriff "Star" beschreibt sie nur ungenügend. Hilary Hahn hat nichts von der Theatralik manch eines gleichaltrigen Shooting Stars, auch nichts von dessen ungestümer Dramatik. Hilary Hahn spielt mit der Schlichtheit der Größe, mit einer fast selbstverständlichen Hingabe an die Musik und ihr Publikum, dem sie zum Abschluss noch ein halbes Dutzend Zu gaben gönnt.
Demut vor der Musik, das ist es, was Hilary Hahn nicht nur groß, sondern auch anrührend macht. Pianist Cory Smythe ist ihr dabei ein ebenso diskreter wie einfühlsamer Begleiter.

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