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Warme Worte fürs Welterbe, Kritik am Umfeld

Warme Worte fürs Welterbe, Kritik am Umfeld

Seit 30 Jahren genießen Triers Römerbauten, der Dom und die Liebfrauenkirche den Schutz der Weltgemeinschaft. Grund genug für einen Festakt, bei dem sich ein Architekt überraschend kritisch zum Umfeld der Welterbestätten äußerte.

Trier. Straßen, Banken, neue Wohnblöcke und ein leerer Platz. Das moderne Trier spiegelt sich in den großen Glasflächen über den Viehmarktthermen. Touristen drücken ihre Nasen platt, um einen Blick auf die Reste des Badetempels zu bekommen - die einzigen Thermen Triers, die kein Weltkulturerbe sind. Etwa zehn Meter unter den Neugierigen hat sich eine Festgesellschaft versammelt. Archäologen, Politiker, Kirchenmänner und interessierte Bürger sitzen ebenso fein gekleidet wie schweigend zwischen den römischen Mauern und lauschen. Denn die Generaldirektion Kulturelles Erbe hat zum Festakt geladen, um zu feiern, dass Triers Römerbauten, der Dom und die Liebfrauenkirche seit 30 Jahren Weltkulturerbe sind. Ein Festakt mit warmen Grußworten und einem überraschend kritischen Vortrag."Eine geniale Idee"

Triers Oberbürgermeister Wolfram Leibe (SPD) betont, wie besonders es sei, dass Trier so viele Welterbestätten hat. "Manch einer nimmt das gar nicht mehr wahr - so selbstverständlich ist es geworden", sagt Leibe, ehe er die "geniale Idee" seiner Vorgänger lobt, gleich neun Bauten bei der Unesco anzumelden. Hätten diese doch nun Anspruch auf Schutz, Wahrnehmung (auch durch jährlich 4,5 Millionen Touristen) und auf Geld. In der Tat hat das Land zig Millionen Euro investiert, um die Gebäude instandzuhalten. Und Stefanie Hahn vom Kulturministerium verspricht, dass weiter jährlich zwei bis drei Millionen Euro fließen werden. Domprobst Werner Rössel erläutert, welch wichtige Rolle das Motto "Erhalt durch Nutzung" spiele. So ist Deutschlands älteste Bischofskirche schon seit dem vierten Jahrhundert ein Ort des Gebets. Auch Liebfrauenkirche, Basilika, Römerbrücke und selbst Porta Nigra verdankten es ihrer Nutzung, dass sie noch so gut erhalten seien. "Wäre die Porta im Mittelalter keine Kirche gewesen, so wäre sie womöglich als Steinbruch genutzt worden", sagt Rössel.192 Staaten schützen Porta & Co.

Zerstörung ist auch ein Thema, das Roland Bernecker, den Generalsekretär der deutschen Unesco-Kommission, umtreibt - beobachten viele Menschen doch mit Grausen, wie die Kulturschätze Syriens vernichtet werden. Auch in Aleppo, das 1986 mit Trier in die Unesco-Liste aufgenommen wurde. Die Sensibilität sei heute eine andere, sagt Bernecker. Denn die Kategorie des Welterbes habe den Blick der Menschen geweitet auf das gemeinsame Erbe, die gemeinsame Geschichte, auf das, was die Kulturen verbinde. 192 Staaten haben den Vertrag unterzeichnet - und erkennen damit auch Porta Nigra, Kaiserthermen und Co. als einzigartige Kulturschätze an, deren Verlust die gesamte Menschheit hart träfe. 41 Weltkulturerbestätten gibt es in Deutschland, doch Trier spiele als älteste Stadt des Landes eine besondere Rolle, sagt Claudia Schwarz, Vorsitzende des Vereins Unesco-Welterbestätten Deutschland. So weit die warmen Worte. Mag ein Festvortrag auch ein ungewöhnlicher Rahmen für Kritik sein - Architekt Wolfgang Lorch von der Technischen Universität Darmstadt spart, wenn auch unauffällig, nicht damit. Er spricht über die Stadt, die die Bauten aktuell umgibt. Über eine Stadt, die neben und nicht am Fluss lebe, über eine "Wand aus Blech", die die "Stadtautobahnen" rings ums Zentrum zögen, über Sehenswürdigkeiten, die nicht als Ensemble wahrgenommen würden, über die Römerbrücke, der man ihre Bedeutung nicht ansehen könne, über die provisorisch abgedeckten Barbarathermen, "die es verdient hätten, weiterentwickelt zu werden" und über fehlende Sichtachsen. "Jede noch so kleine Sehenswürdigkeit hat heute ein Visitor-Center", sagt er. Bei neun Weltkulturerbestätten brauche man eine Anlaufstelle - und die Tourist-Information hält er offenbar nicht für geeignet, attestiert er Trier doch Handlungsbedarf und schlägt vor, dem Stadtmuseum Simeonstift diese Aufgabe zu übertragen. Auch gebe es nur "fragmentarische Leitsysteme" durch die Stadt. Trier spiele in einer Liga, in der man nur in höchster Qualität bauen dürfe. Und so schüttelt der Architekt den Kopf in Anbetracht dessen, was unweit mancher Welterbestätte hochgezogen wurde. Konkrete Beispiele will er keine nennen. Es ist schließlich ein Festakt. Ein Festakt zwischen Römermauern unter einem Glasgebäude, das die Straßen, Banken und Wohnblöcke des modernen Trier widerspiegelt. Extra

Noch mehr als Zeitung: Trier hat Grund zu feiern: Seit 30 Jahren besitzen neun Bauwerke aus der Römerzeit den Status Unesco-Weltkulturerbe. Der Trierische Volksfreund hat diese schützenswerten Orte in einer Serie aus ungewöhnlichen Blickwinkeln beschrieben. Die Redaktion von volksfreund.de stellt alle Beiträge, Fotoserien und Videos nun in einer großen Multimedia-Reportage vor. Darin finden sind auch ganz bestimmt einige Kuriositäten, die selbst eingefleischte Trierer nicht kennen. Die gesamte Serie und die Multimedia-Reportage sind im TV-Internetangebot zu finden. jwa/r.n. volksfreund.de/ weltkulturerbe