Wenn sich in Trier Handwerk mit Kunst verbindet: Flüchtlinge fertigen Bühnenbild und Requisiten für Musik-Theaterprojekt

Wenn sich in Trier Handwerk mit Kunst verbindet: Flüchtlinge fertigen Bühnenbild und Requisiten für Musik-Theaterprojekt

Sie sind hoch motiviert: Zwölf junge Männer, alle mit Fluchthintergrund, bereiten sich auf ihren großen Auftritt vor. Sie verknüpfen nicht nur Handwerk mit Kunst, sie schlüpfen selbst in Rollen beim Theaterprojekt "Odyssee.16".

Finsteres Gelächter schallt über den Hof. Drei riesige Gesichter bewegen sich auf und ab. Große Augen rollen. Onur Eker führt eine der Großmasken, die ihren Einsatz im Musik-Theaterprojekt "Odyssee.16" der Trierer Tuchfabrik haben, das am 27. Oktober Premiere feiert. Der 29-jährige Türke hat die Masken mit entworfen und gebaut. "Die beweglichen Augen stammen von mir."Deutsch lernen - ganz nebenbei

Chiyar Matini, Fares Khalaf, Anas Khalad, Nizar Byassi und Ibrahim Homsi (von links) fertigen Drachenköpfe aus Metall und alten Fahrradreifen. Foto: Mechthild Schneiders


Seit Mai arbeitet Eker mit elf weiteren Flüchtlingen aus unterschiedlichen Ländern am Bühnenbild und den Requisiten für das Projekt. Sie sind Teilnehmer einer sogenannten Arbeitsgelegenheit (AGH) für Personen mit Fluchthintergrund des Palais e.V. im Auftrag des Jobcenters Trier Stadt und in Kooperation mit der Tufa. Das Ziel: erwerbsfähige Menschen beruflich wie sozial zu fördern. Unter fachlicher Anleitung können sie sich in der Werkstatt im Walzwerk Trier in verschiedenen handwerklichen Bereichen ausprobieren und berufsrelevante Fähigkeiten erwerben oder erweitern. Das tun sie, indem sie Bühnenbild und Requisiten sowie Kostüme für das Theaterprojekt fertigen.

Und so ganz nebenbei vertiefen sie ihre Sprachkenntnis. "Wir sprechen nur Deutsch mit ihnen", sagt Stefan Bastians, Initiator und Regisseur von "Odyssee.16", der die jungen Männer bei ihrer Arbeit für die Bühne unterstützt.
Eker war Elektrotechniker, bevor er vor sechs Jahren nach Deutschland kam. Wegen eines Unfalls kann er sein Handwerk nicht mehr ausführen. Nun ist er beim Projekt dabei und äußerst zufrieden. Bastians sage ihm, was er benötige, und er zeichne einen Entwurf und überlege sich, welche Materialien dazu geeignet seien - der Job eines Bühnenbildners. "Die Arbeit gefällt mir", sagt Eker. "Das ist mein Traum."

Zurzeit bastelt er am Helm für Athene, die von Susanne Ekberg gesungen wird. "Zuerst hatte ich versucht, ihn aus Ton zu fertigen", sagt er. "Nun habe ich ihn - wie die Großmasken - aus Draht und Pappmaché gebaut."

Es riecht nach Sägespänen in der Werkstatt. Eker steht an der Schleifmaschine, schmirgelt ein Stück Holz glatt. Das Teil benötigt er, um die Pferdemähne (Lophos) aus Bast auf dem Helm anzubringen. Später werde der komplette Helm mit Metallspray patiniert, erklärt Bastians.

Das ist die Aufgabe von Chiyar Matini, dem Maler im Team. "Ich habe bereits die Masken gestaltet." Und er verlieh den riesigen Händen und Füßen, die die Werkstatt bevölkern, Farbe. Gut ein Jahr ist der Betriebswissenschaftler aus Syrien nun in Trier. "Malen ist mein Hobby. Dabei kann ich meine Probleme vergessen." Sein aktuelles Projekt: Drachenköpfe bemalen - sie stellen das Meeresungeheuer Skylla dar. Sechs Stück werden die Flüchtlinge bauen.

Dafür schneidet Nizar Byassi einen Fahrradmantel zu - das werden Drachenschuppen. Die Flucht aus seiner syrischen Heimat endete im Frühjahr in Trier. Seit drei Wochen ist der Kommunikationsingenieur beim Projekt. "Ich liebe die Arbeit für die Bühne", sagt Byassi in recht gutem Deutsch. Bislang habe sich sein Engagement auf die Elektrik und den Sound beschränkt. Sein Gastspiel könnte bald beendet sein: Er habe schon ein Angebot für einen Ganztagsjob in seinem Beruf.

Die Teilnehmer sollen jedoch nicht nur das Bühnenbild gestalten, sondern ihre Figuren selbst führen, ob Masken, Drachenköpfe oder die Insignien der Götterwelt, die an langen Stangen an der Wand lehnen. Oder sie übernehmen, wie der syrische Kurde Ali Sheikhmous, eine Rolle im Stück: Der 24-Jährige mit Schauspielerfahrung wird den Regisseur spielen. Zudem bereitet er sich auf die Prüfung seines C1-Deutschkurses vor, um im Wintersemester mit dem Studium beginnen zu können. Auch Anas Khalad will weiterstudieren; Journalist ist sein Traumberuf. Im Projekt wird er ebenfalls eine Figur spielen, die von Sheikhmous' Assistenten.

Noch haben die Proben nicht begonnen, sind nicht alle Requisiten fertiggestellt. Im Hof verlassen die Großmasken das hölzerne Schiff, das die Flüchtlinge seit Mai gebaut haben. Die Wand aus rohen Planken, das Rahsegel gesetzt. Das Boot ist schon bereit für die Odyssee.