Wo alles Übel seinen Anfang nahm

Trier · Rückkehr eines Giganten: Hans Neuenfels, legendäre Regie-Koryphäe und ewiger Provokateur, kam für eine Lesung ans Theater Trier zurück, wo er vor 46 Jahren Knall auf Fall als Dramaturg vor die Tür gesetzt worden war.

Trier. Noch zehn Minuten bis zur Lesung. Hans Neuenfels sitzt mit einem Glas Wein auf einer Bank vor dem Trierer Theater, ziemlich genau an der Stelle, wo ihn 1966 der Spiegel-Fotograf aufgenommen hat, im Kopfstand, für eine spektakuläre Geschichte über seinen Rausschmiss in der konservativen Bischofsstadt. "Am Gebäude hat sich nichts geändert", brummt der 70-Jährige.
Drinnen ist das Foyer erstaunlich voll, gut 100 Zuschauer sind gekommen - nicht selbstverständlich für Trier. Veranstalter Rainer Laupichler von den kleinen Eifel-Kulturtagen ist sichtlich zufrieden, Gastgeber Gerhard Weber auch.
Ein brillanter Vorleser


Als Neuenfels die Stimme hebt, geht ein Raunen durch den Raum. Es klingt wie Elmar Gunsch auf Crack, oder sagen wir: wie eine Kreuzung aus Harry Rowohlt und Willy Brandt. Eine Stimme, so kratzbürstig wie die Regie-Arbeiten ihres Besitzers. Aber auch so faszinierend.
Neuenfels ist ein brillanter Vorleser - und ein Autor, der blühende Sprachmächtigkeit mit bissiger Ironie verbindet. Zum Erstaunen des Publikums beginnt er weit vor seiner Theaterkarriere, mit seiner Kindheit in Krefeld. Wer seine Autobiographie "Das Bastardbuch" gelesen hat, kennt den hochspannenden Mix aus Erzählung, (Selbst-)Analyse und dem Zeitkolorit der frühen 60er Jahre. Geschrieben übrigens in einer literarischen Qualität, die manche Autoren des parallel laufenden großen Eifel-Literaturfestivals bei weitem in den Schatten stellt.
Genüsslich liest Neuenfels das Trier-Kapitel. "Es war eine Plattform für alles, was später kam, so etwas vergisst man nicht", sagt er. Die fünf Regie-Arbeiten innerhalb eines Jahres, die provokative Aktion auf dem Hauptmarkt, das Hausverbot, der Freundeskreis in der Stammkneipe Kulmbacher Eck, die Proteste gegen seinen Rausschmiss: Das wird detailreich nachgearbeitet, wirkt noch sehr präsent. Manchmal auch ein bisschen fantasievoll. Die Realität gebe es ohnehin nicht, sagt Neuenfels schmunzelnd, "aber für mich ist es so gewesen".
Dann wechselt er das Buch, liest aus "Wie viel Musik braucht der Mensch?" eine wunderbare fiktive Begegnung mit Giuseppe Verdi. Kein Musikwissenschaftler könnte dem Komponisten jemals so nahe kommen wie dieser Regisseur, dessen streitbare Verdi-Interpretationen über Jahrzehnte Maßstäbe setzten. Es ist eine respektvolle, fast demütige Nähe, die sich da offenbart.
Am Ende gewährt Neuenfels einen tiefen psychologischen Einblick in das komplexe Beziehungsgeflecht zwischen einem Regisseur und den Figuren eines Autors oder Komponisten, die er auf die Bühne bringt. Danach schreibt der einst als Regie-Berserker Verehrte oder Geschmähte so freundlich wie unermüdlich Widmungen in Bücher - und zeigt, wie gut er sich an seine Zeit in Trier erinnert. Bilder seiner Produktionen erkennt er auf den ersten Blick, und auch ein Name wie Günter Reim ist ihm nicht fremd. Der Abend scheint ihm Spaß zu machen - der Abend in jener Stadt, die, wie er augenzwinkernd anmerkt, "der Anfang allen Übels war".