Geheimnis der Freundschaft

Als sein Flugzeug nach einem Aufklärungsflug am 31. Juli 1944 auf dem Meer aufschlug, zerbarst es in tausend Teile. Der Pilot war der 44-jährige Antoine de Saint-Exupéry, ein erfahrener Flieger.

Da kein Funkspruch von ihm aufgenommen wurde, ist er wahrscheinlich plötzlich von einem deutschen Jäger angegriffen und abgeschossen worden. Saint-Ex - wie seine Freunde ihn nannten - war ein in sich zerrissener Mensch, gepeinigt von Enttäuschungen und Verlustängsten. Als er seinen "kleinen Prinzen" schrieb, war er zudem von Selbstzweifel geplagt, weil es ihm nicht gelang, die größte Herausforderung seines Erwachsenenlebens zu meistern: seine Ehe. Sein geheimnisumwobener Tod war vielleicht das Ende, das er sich wünschte. Denn der Preis für den Eintritt in die Welt der Erwachsenen war die Zerstörung der kindlichen Gewissheiten. Die Aufhebung der Einsamkeit in der Freundschaft war sein zentrales Thema. Der rationalen Sichtweise der Erwachsenen mit ihrem Besitzergreifen der Welt hält er das Gebot der Menschlichkeit entgegen. Dazu benutzt er die Fabel und lässt seinen kleinen Prinzen eine Reise zu den Planeten antreten. Der trifft Menschen, die sich nur mit sich selbst beschäftigen, sich nur an Äußerlichkeiten halten: einen König, einen Eitlen, einen Trinker, einen Geschäftsmann und so weiter .... Wieder zurück lehrt ihn der Fuchs das große Geheimnis der Liebe und Freundschaft. Es ist zugleich das Geheimnis des Lebens, das darin besteht, dass ein Mensch für den anderen Verantwortung trägt. "Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar." Mit diesen Sätzen hat er Literaturgeschichte geschrieben und eine große Lebenswahrheit geoffenbart. Im Grunde banal und vielleicht deshalb so eingängig. "Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast", schreibt der Fuchs dem kleinen Prinzen in sein Lebensbuch. Eine zeitlose Wahrheit.
Dr. Harald Müller-Baußmann, Morbach

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