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Aus dem umkämpften Aleppo ins Kirchenasyl

Aus dem umkämpften Aleppo ins Kirchenasyl

Eine Flüchtlingsfamilie aus Syrien hat Kirchenasyl in einer evangelischen Kirchengemeinde in Mainz gefunden. Die Familie mit zwei erwachsenen und drei minder- jährigen Kindern ist aus dem umkämpften Aleppo geflohen.

Mainz. Die evangelische Philippus-Gemeinde in Mainz-Bretzenheim wird der Familie Abo Hassan aus Syrien Kirchenasyl gewähren, bis das Verwaltungsgericht in Trier über ihre Klage gegen die Ausweisung nach Bulgarien entschieden hat. Nach Einschätzung von Gemeindepfarrer Sascha Heiligenthal können bis zum Urteil drei bis sechs Monate vergehen. Doch das schrecke die zweitgrößte evangelische Gemeinde der Landeshauptstadt nicht: "Unsere Bibel ist voller Geschichten von Flucht und Aufnahme von Flüchtlingen. Ohne Asyl gäbe es kein Christentum, deshalb sehen wir uns als Kirchengemeinde in der Pflicht, der Familie zu helfen."
Noch bis zum Montagabend war die muslimische Familie Abo Hassan mit zwei Söhnen und drei Töchtern im Alter zwischen zehn und 20 Jahren in einer der Mainzer Flüchtlingsunterkünfte untergebracht. Sie lebte Tür an Tür mit anderen syrischen Flüchtlingen, alle traumatisiert vom Bürgerkrieg. Der Unterschied: Die Familie fällt nicht unter die sogenannten Kontingent-Flüchtlinge aus Syrien, von denen Deutschland sich verpflichtet hat, in zwei Schritten insgesamt 10 000 aufzunehmen. Weil sich die Familie aus der blutig umkämpften Stadt Aleppo zunächst in das EU-Land Bulgarien durchgeschlagen hat, hätte sie nach der EU-Drittstaatenregelung dort bleiben müssen. Amnesty International und das UN-Flüchtlingshilfswerk bewerten aber die Lage von Flüchtlingen in Bulgarien als äußerst schwierig. In einem Update vom 20. Januar zu seinem jüngsten Länderbericht beklagt das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR die Überfüllung und die mangelhaften Bedingungen in bulgarischen Haftlagern und weist auf die Gefahr von rassistischer Gewalt gegen Flüchtlinge hin.
Von solchen Erfahrungen erzählt die Familie Abo Hassan. Alle Familienmitglieder seien aufgrund ihrer Erlebnisse im Bürgerkrieg und auf der Flucht körperlich und seelisch erkrankt, berichtet Pfarrer Heiligenthal. In Bulgarien gebe es keine medizinische Behandlung, nicht einmal genug zu essen. Daher habe sie über einen Anwalt gegen ihre Ausweisung geklagt. Doch nach einer vorläufigen Entscheidung des zentral zuständigen Verwaltungsgerichts Trier habe die Klage keine aufschiebende Wirkung. Da die Abschiebung der Familie nach Bulgarien in der ersten Maiwoche als sicher galt, habe sich die Gemeinde für das Kirchenasyl entschieden. Sie wisse das Dekanat Mainz und den Präsidenten der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Volker Jung, hinter sich.
Kirchenasyl ist der vorübergehende Schutz von Flüchtlingen vor der Abschiebung in eine Situation mit inhumanen Härten. In Mainz gab es 2000 den Fall einer kurdischen Familie, die die evangelische Studierendengemeinde an der Uni aus Angst vor Abschiebung in die Türkei wieder verließ und untertauchte. Damaligen Medienberichten zufolge waren die drei unterstützenden Kirchengemeinden ausgestiegen - ob auf staatlichen Druck, blieb unklar. Nach einem Jahr im Versteck gewährte ein Gericht der Familie Abschiebeschutz.