Endstation Hauptschule?

TRIER. Hauptschulen kämpfen mit Vorbehalten. Geht es um diesen Schultyp, denken viele an Gewalt, Kriminalität und aggressive Schüler. Mit Lehrern dieser Bildungseinrichtungen möchte kaum jemand tauschen. Die zeichnen jedoch ein anderes Bild und werben für ihre Schützlinge.

"Das Bild von der Hauptschule ist heutzutage viel zu negativ", sagt Hans Rüdiger Barbian. Der Schulleiter der Geschwister-Scholl-Hauptschule kann keine erhöhte Gewalt im Vergleich zu anderen Schulformen feststellen. "An Gymnasien oder Realschulen gibt es genauso viel Gewalt, nur dass dort Verletzung oft auf einer anderen Ebene stattfindet", erklärt Barbian. Mobbing und üble Nachrede gebe es dagegen auf seinem Schulhof nicht. Konflikte werden hier mit lautem Schreien oder körperlichen Angriffen ausgetragen."Wir haben kein Gewaltproblem"

Auch Markus Lehnert, Schulleiter der Pestalozzi Hauptschule, stören die landläufigen Vorurteile gegenüber seinen Schülern. "Wir haben kein Gewaltproblem, sondern wir gehen offensiv mit dem Thema um, weil unsere Schüler auf diesem Gebiet Defizite haben", sagt Lehnert. Oft gilt die Hauptschule als Endstation auf dem Bildungsweg eines Schülers. Viele Eltern weigern sich, ihr Kind dort anzumelden, auch wenn es die Grundschullehrer empfohlen haben. Erst wenn die Schüler am Gymnasium oder in der Realschule gescheitert sind, landen sie in der Hauptschule. Eine solche Schullaufbahn ist für die Schüler besonders frustrierend. Hans Jürgen Barbian nahm im vergangenen Schuljahr zahlreiche Anmeldungen von Rückläufern aus Gymnasien oder Realschulen entgegen. "Oft zeigt sich, dass das Urteil der Grundschullehrer doch richtig war. Auf der Realschule konnte das Kind einfach nicht mithalten", erklärt Barbian. Auch an der Pestalozzi Hauptschule kommen im Laufe eines Schuljahres durchschnittlich 20 Schüler aus anderen Schulformen hinzu. Eine zusätzliche Belastung für Schüler und Lehrer, wie Lehnert verdeutlicht: "Wenn ich zu Beginn der fünften Klasse nur zehn Anmeldungen vorliegen habe, kann ich nur eine Klasse aufmachen", erklärt er. Kommen im laufenden Schuljahr dann zehn oder mehr neue Schüler hinzu, platzt diese Klasse aus allen Nähten, und die Lehrer verlieren leicht den Überblick über jedes einzelne Kind. Dabei ist an der Hauptschule eine intensive Betreuung durch die Lehrer zwingend erforderlich. Lehrer an Hauptschulen sollten sich besonders durch Verlässlichkeit und Konsequenz ausweisen. Werte, die einige Kinder dort aus dem Elternhaus nicht kennen. Kriminell aus Langeweile

Wenn die Schulglocke das Ende des Unterrichts einläutet, sind viele der Schüler auf sich alleine gestellt. Den Nachmittag verbringen sie oft alleine oder mit Freunden in der Stadt. "Aus Langeweile werden einige auch schon mal kriminell", erzählt Markus Lehnert. Außerhalb des Schulhofs kommt es dann zu Ladendiebstählen und anderen Straftaten. Als Ursachen für solche Fehltritte sieht Markus Lehnert neben der Langeweile aber auch den Versuch, sich Anerkennung zu verschaffen. "Besonders Schüler an Hauptschulen haben oft ein sehr geringes Selbstbewusstsein. Wir Lehrer versuchen, ihnen zu zeigen, dass auch sie etwas gelten", sagt Lehnert. Die Zukunftsperspektiven für Hauptschul-Abgänger sind derzeit düster (der TV berichtete mehrfach). Viele von ihnen finden keine Lehrstelle. Betriebe bevorzugen mittlerweile meist Kandidaten von Realschulen und Gymnasien. "Ich fordere die Leute auf, die Persönlichkeit der Kinder kennen zu lernen und zu entdecken, welche Chancen in ihnen stecken", sagt Markus Lehnert. Nur so könnten die Vorurteile gegenüber Hauptschülern endlich verschwinden.

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