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Gut geforscht ist halb gerettet

Gut geforscht ist halb gerettet

TRIER. Holzhäuschen hier, Abdeck-Planen dort: Sieht fast so aus, als würden die Barbarathermen für die Antikenfestspiele präpariert. Doch der Eindruck täuscht. Die römische Bäderanlage ist eine Baustelle und bleibt notgedrungen auf Jahre hinaus für Publikum geschlossen.

Eine auf den ersten Blick unscheinbare kleine Scherbe ruft bei Experten höchstes Entzücken hervor: eine künstlich geformte Muschel aus Ton, mehr als 1800 Jahre alt, entdeckt vor wenigen Tagen in einem ebenfalls antiken Bleirohr auf dem Gelände der Barbarathermen. Beides zeugt vom Glanz der einst größten Badeanlage außerhalb Roms. Die plastische Muscheldarstellung stammt von der Gewölbebekleidung über einem Schwimmbecken. Sie bringt überraschende neue Erkenntnisse. Zum Beispiel, dass die nahe der Römerbrücke gelegenen Thermen nicht "nur" über Deckenmalereien verfügten. Und das Abflussrohr, in dem die Kunstmuschel wohl anderthalb Jahrtausende überdauerte, dürfte es in den nach der Römerzeit vielfach geschundenen, niedergerissenen und total ausgebeuteten Barbarathermen gar nicht mehr geben.Besucherplattform kommt im Sommer

Für Gundolf Precht, Leiter des wissenschaftlichen Beirats zur Rettung der Barbarathermen, belegen beide Mini-Funde die Notwendigkeit der im vergangenen Jahr im Auftrag des Landes eingeleiteten Intensiv-Untersuchungen: "Nur wenn wir behutsam und mit Akribie ans Werk gehen, können wir die Barbarathermen ihrem Status als Weltkulturerbe entsprechend erforschen", erläutert der 66-jährige ehemalige Direktor des archäologischen Parks Xanten. Die bei der Bauaufnahme gewonnenen Ergebnisse dienen als Entscheidungsgrundlage für das weitere Vorgehen. Erklärte Absicht ist es, die Thermen für die Zukunft zu erhalten und wieder öffentlich zugänglich zu machen. "Dazu müssen wir aber erst einmal wissen, wie wir mit dem hochsensiblen Bau- und Bodendenkmal umgehen sollen", sagt Albert Diehl, Vize-Chef und Bauabteilungs-Leiter der Landesgesellschaft Burgen, Schlösser, Altertümer (BSA). "Wir wollen dem Publikum etwas vermitteln und die Nachwelt nicht in die Irre führen", beschreibt Diehl das Ziel. Gut Ding will Weile haben. "In einem Jahr wissen wir mehr", glaubt Precht. So lange haben Archäologe Michael Dodt und sein Team alle Hände voll zu tun mit der Erkundung und digitalen Aufmessung des rund 1,4 Hektar großen Areals. Die vom Landesbetrieb Liegenschafts- und Baubetreuung (LBB) errichteten provisorischen Bauten aus Holz sollen das zwecks Untersuchung und Dokumentierung teilweise freigelegte antike Mauerwerk vor Witterungseinflüssen bewahren und eine weitere Verschlimmerung des laut Precht ohne bereits "dramatischen Schadensbildes" verhindern. Über den Originalboden eines Thermen-Lichthofs lassen die Konservierungs-Experten bewusst "viel Gras wachsen". Eine im vergangenen Herbst aufgebrachte etwa 20 Zentimeter dicke Schicht aus Vlies, Lava und eingesätem Erdboden schützt die darunter liegenden Sandsteinplatten gegen Wasser und die Sprengwirkung von Temperaturwechseln. Dodt zeigt sich von der wissenschaftlichen Ausbeute der Bauaufnahme sehr angetan: "Wir wissen jetzt einiges mehr über die Baukonstruktion." Außerdem lassen sich zwei antike Hauptnutzungsphasen des im späten zweiten Jahrhundert errichteten Bauwerks nachweisen: die erste mit Normalbetrieb, die zweite als die in die Jahre gekommene gigantischen Bade- und Erholungsanlage, die dem hohen Verschleiß Tribut zollte und viele Ausbesserungsarbeiten notwendig machte. Das Ende der Römerherrschaft in Trier im fünften Jahrhundert brachte auch das Ende der Badefreuden. Später dienten die Barbarathermen, denen ein benachbartes mittelalterliches Dominikanerinnenkloster ihren heutigen Namen gab, unter anderem als Sitz eines aufmüpfigen Stadtadels-Clans. All das sollen Besucher in Zukunft vor Ort erfahren können. Doch mindestens drei, vier Jahre bleibt die Antiken-Baustelle für Publikum tabu. Um das Weltkulturerbe dennoch zu zeigen, plant die Landestiftung "Burgen, Schlösser, Altertümer" eine Ersatzlösung: "Wir wollen eine Besucherplattform aufbauen, die von der Friedrich-Wilhelm-Straße aus per Steg zu erreichen ist", kündigt Anke Müller-Willig von der BSA-Bauabteilung an. Voraussichtlich im Juni soll es soweit sein. Viele Trierer kennen die Tribüne bereits: Sie steht derzeit im Amphitheater.