Inklusion im Film und im wirklichen Leben

Gesellschaft : Die Kinder der Utopie – Inklusion im Film und im wahren Leben

„Kinder der Utopie“ löst unter den Kino-Gästen im Trierer Broadway-Filmtheater gemischte Gefühle aus. Viele wünschen sich mehr Ehrlichkeit. Der Verein Kinderlachen Eifel und der Bereich Inklusion des Bistums Trier hatten zu dem Filmabend mit Diskussion eingeladen.

Sechs Kinder sitzen gemeinsam in einer Schulklasse, lernen lesen, schreiben und rechnen, lachen und spielen miteinander – einige mit und andere ohne Beeinträchtigung. Eine Utopie? Eine schwer umsetzbare Idealvorstellung von Gesellschaft also? Der Film „Die Kinder der Utopie“ trifft die sechs Grundschüler der ersten Inklusionsklasse Deutschlands als junge Erwachsene wieder und lässt sie zurückschauen.

Das Werk von Dokumentarfilmer Hubertus Siegert wurde an einem Aktionsabend deutschlandweit in verschiedenen Kinos gezeigt. Auch im Trierer Broadway-Kino, das mit dem Arbeitsfeld Inklusion des Bistums Trier und dem Verein Kinderlachen Eifel  kooperiert.

„Der Film war eine tolle Gelegenheit, über Inklusion ins Gespräch zu kommen“, sagt Johanna Müller vom Verein Kinderlachen Eifel. „Wir organisieren seit einigen Jahren inklusive Freizeiten im Raum Bitburg und als wir von dem Film erfahren haben, wollten wir uns unbedingt beteiligen und ihn auch in unserer Region auf die Leinwand bringen.“ Auf der Suche nach Kooperationspartnern stieß Müller mit ihrer Idee auf Begeisterung bei Judith Schwickerath und Pia Tholl vom Arbeitsfeld Inklusion des Bistums Trier. „Wir möchten gerne interessierte Menschen zum Thema Inklusion vernetzen und darüber ins Gespräch kommen“, erklärt Tholl.

Eine passende Gelegenheit dafür bot der Film, dem sich eine von TV-Redakteur Rainer Neubert  moderierte Gesprächsrunde anschloss. Die Religionslehrerin Theresia Heinz berichtete dabei über ihre Erfahrung, als Blinde in Regelschulen die Grundschul- und Gymnasialzeit zu durchlaufen. „Es war nicht immer leicht, aber ich will diese Erfahrungen nicht missen, die in einer speziellen Förderschule nicht möglich gewesen wären.“

Norbert Ruschel, der seit zehn Jahren die inklusive Ausonius-Grundschule in Trier-Nord leitet, stellte Bezüge zum Unterricht dort her. „Vorbehalte der Kinder im gemeinsamen Lernen und Zusammensein gibt es ebenso wenig wie im Film.“ In den Redebeiträgen des Publikums stand die Frage im Mittelpunkt, ob Förderschulen zugunsten eines inklusiven Ansatzes von Schulen abgeschafft werden sollten.

Einigkeit herrschte darüber, dass die Barrieren in den Köpfen vieler  Menschen ein schnelleres Zusammenleben verhindern. Judith Schwickerath: „In der gesellschaftlichen Diskussion spüren wir, dass Inklusion noch immer ein Reizthema ist oder nicht wirklich erlebbar wird, auch weil Menschen Angst haben, Menschen zu begegnen, die ‚anders‘ sind. Wir wollten mit diesem bundesweiten Aktionsabend in Trier einfach ein Zeichen setzen, dass Inklusion möglich ist.“

Warum sich das Bistum in diesem Feld engagiert, sei einfach zu beantworten, fügt Schwickerath hinzu: „Inklusion, also die Frage frei beantworten zu können, wie ich leben möchte, ist ein Menschenrecht. Aber es ist auch ein urchristlicher Gedanke – jeden so annehmen, wie Gott ihn geschaffen hat.“

Die Kinder der Utopie“ basiert auf dem Vorgänger „Klassenleben“, der die Kinder während ihrer Grundschulzeit begleitete. Im neuen Film sehen sich die inzwischen jungen Erwachsenen diese Aufnahmen gemeinsam an, begegnen ihren jüngeren Ichs, sprechen darüber, was aus ihnen geworden ist: Luca ist leidenschaftliche Hobbyfotografin und studiert Umweltwissenschaften. Marvin jobbt in einer Behindertenwerkstatt und sucht seinen Lebenssinn im christlichen Glauben. Dennis ist auf dem besten Weg, ein Star am Musical-Himmel zu werden. Drei Menschen mit und drei ohne Beeinträchtigung geben sehr persönliche Einblicke in ihre Lebensgeschichten.

Der Film hat lustige und auch traurige Momente. Er lädt dazu ein, mitzuempfinden. Nicht allen Zuschauern im Broadway war die Darstellung ehrlich genug. „Wissen Sie, was ein Gutmensch ist?“, fragte eine Dame. Trotz ihrer Kritik an den Diskrepanzen des Films zur Realität wird sie, wie die anderen Gäste des Abends, als Multiplikatorin für eine inklusive Gesellschaft werben.

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