Karl-Heinz Richter erzählt in Schweich von seiner misslungenen Flucht aus der ehemaligen DDR. Der 73-Jährige will vor allem junge Leute aufrütteln und sie ermuntern, politisch stets kritisch zu bleiben.

Geschichte : Zivilcourage hat ihm nie gefehlt

Karl-Heinz Richter erzählt in Schweich von seiner misslungenen Flucht aus der ehemaligen DDR. Der 73-Jährige will vor allem junge Leute aufrütteln und sie ermuntern, politisch stets kritisch zu bleiben.

Er lebt mit Narben – und mit offenen Wunden – aus der Zeit des „Unrechtsstaats“ DDR. Dass das heute mit Aussagen wie „das war doch gar nicht so schlimm“, wiederum „so verniedlicht“ werde, sieht Karl-Heinz Richter nicht nur mit Sorge: „Das widert mich einfach an“, betonte der 73-Jährige in Schweich bei einer Veranstaltung zum Thema „Demokratie in Gefahr!?“ (siehe Info). Eben deshalb reise er rum. Wie Besucher der Gedenkstätte Hohenschönhausen sollen auch andere – und vor allem junge Leute – von seinem Schicksal erfahren. Insbesondere sie will er dafür sensibilisieren, wie schnell eine bedrohte Demokratie zur Diktatur werden kann. Sie müssten „höllisch aufpassen“ und sollten nur ja keine Ideologie an sich heranlassen. Und sie müssten kämpfen für vermeintlich Selbstverständliches wie Demokratie und Freiheit. Da darüber in Familien kaum gesprochen werde, ist er froh, mit seinen Erfahrungen Jugendliche erreichen zu können: „Es lohnt, sich für Demokratie einzusetzen!“

Zuhörerfragen spannten den Bogen zu Aktuellem: zum Anschlag in Halle, zur Ermordung von Walter Lübcke und zur erst nach Jahren verurteilten NSU-Mittäterin Beate Zschäpe. Bestehende Gesetze müssten angewandt werden – auch bei den in den Raum gestellten und dann wiederum relativierten Aussagen wie häufig von AfD-Politikern. Es könne doch nicht sein, dass Ausdrücke wie „Umvolkung“ oder die Verleugnung der Geschichte nicht geahndet würden und Politiker mit massiven Beleidigungen im Netz leben müssten, sanktioniert per Gerichtsbeschluss. „Die Justiz versagt – das ist das Problem“, pflichtete Richter bei. Erschwerend hinzu komme, dass Politik vielfach „nicht mehr bei den Leuten ankommt“ und dass es Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung noch immer keine bundesweit einheitlichen Besoldungen gebe. Mancher fühle sich dadurch als Mensch zweiter Klasse. Umso wichtiger sei Zivilcourage, an der es auch in der ehemaligen DDR viele Jahre gefehlt habe. Für einen jungen Mann im Saal ist die Demokratie eindeutig gefährdet. Der „Trend“, dass so viele Leute AfD wählten, sei erschreckend.

Für den Veranstalter begrüßte Christiane Horsch, Bürgermeisterin der Verbandsgemeinde (VG) Schweich, den angeregten Austausch. Die Initiative wolle vor allem junge Menschen erreichen, aber auch generell ermutigen, sich mit Demokratie zu beschäftigen und Akteuren den Rücken zu stärken.

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