Stacheldraht, Dunkings und viele Fragen

Stacheldraht, Dunkings und viele Fragen

Dunk hinter hohen Mauern: Basketball-Bundesligist TBB Trier hat am trainingsfreien Montag die Jugendstrafanstalt (JSA) Wittlich besucht. Auf dem Programm standen ein Rundgang, Trainingstipps und eine Fragerunde.

Acht Quadratmeter Zwangsheimat: Ein kleiner Fernseher über der Tür, ein vergittertes Fenster zum Innenhof. Neben dem schmalen Bett hängen Bilder von Jesus Christus, darunter pinnt ein selbstgemaltes Wappen von Werder Bremen. Auf einem Foto über dem Schreibtisch ist eine junge Frau zu sehen, vielleicht 20 Jahre alt. "Hm, die kenne ich", sagt Maik Zirbes, Basketball-Profi bei der TBB Trier. "Aber ich weiß nicht genau, woher." Der Trierer Center ist 21 Jahre alt und stammt von der Mittelmosel. Alter und Herkunft verbinden ihn mit vielen der 170 Inhaftierten der JSA in Wittlich. Vielleicht auch mit demjenigen, dessen Zelle er gerade mit seinem Teamkollegen besichtigt.

Das Leben ist ein anderes. Der TBB-Tross ist für zwei Stunden zu Besuch, das ist inzwischen zur Tradition geworden. In ganz entspannter Atmosphäre. Das liegt nicht nur am überzeugenden Auswärtssieg am Abend zuvor in Bonn.

Sport hat für die Inhaftierten eine große Bedeutung



Es ist eine Abwechslung für die Basketball-Profis und die Inhaftierten gleichermaßen. Zirbes und Kosta Karamatskos, die dienstältesten TBB-Spieler, kennen das Prozedere schon: Die Vorstellung der JSA durch Leiter Otto Schmid und Sportlehrer Ralf Klimperle, der wohl ältesten Jugendstrafanstalt in Europa, wie Schmid betont.

Sie hören von der großen Bedeutung, die der Sport für die Inhaftierten hat. Es folgen eine Fragerunde, eine kleine Trainingseinheit und ein wenig Kür am Korb: John Bynum, Zirbes, Karamatskos & Co. "stopfen", was das Zeug hält. Philip Zwiener trifft beim Einwerfen gefühlt 20 Dreier in Folge. Und die knapp 100 Inhaftierten danken es mit lautem Johlen und Applaus. Flügelspieler Oskar Faßler fehlt, weil er wegen seiner Achillessehnen-Probleme zu einem Spezialisten nach Leverkusen gereist ist.

Für Trainer Henrik Rödl ist es der erste Besuch im Wittlicher Jugendknast. 170 Jungs und junge Männer zwischen 14 und 25 Jahren sitzen hier ein. Das Strafmaß reicht von sechs Monaten bis zu acht Jahren.

"Ich habe das schon mal eine Spur härter erlebt", erinnert sich Rödl. In seiner Collegezeit in North Carolina hätten zweimal auch Gefängnisbesuche mit dem Basketball-Team auf dem Programm gestanden - ein Knast mit Todeszelle.

Und was wollen die Inhaftierten von den Trierern wissen? Etwa, wie viel man mit Basketballspielen verdienen kann. Die Frage blockt Klimperle, Sportlehrer an der JSA und Mitorganisator des Besuchs, lieber ab. "Wer ist der Größte?" Auf die Frage reißt Kosta Karamatskos Zirbes' Arm nach oben. "Wie groß ist der Unterschied zwischen Basketball in den USA und in Deutschland?" Das Spiel sei in den USA etwas athletischer, sagt Dru Joyce. Aber die Unterschiede seien überschaubar.

"War einer von euch mal kriminell?", will einer wissen. Seine Kollegen johlen. Es ist wohl eine eher rhetorische Frage - denn selbst wenn es so wäre, würde wohl kaum einer diesen Moment als Steilvorlage zum "Outing" verstehen. "Und warum seid ihr überhaupt hier?" Zwiener nennt es "einen Herzenswunsch", vorbeizukommen: "Das ist auch interessant für uns. Und ihr könnt mal sehen, wie wir trainieren." Nach knapp zwei Stunden geht es für die TBB zurück. Sie überqueren den Innenhof mit dem Beton-Basketballfeld und dem massiven Stahlkorb, passieren die Schleusen - und erhalten auf der anderen Seite der Mauer ihre Handys, Personalausweise und Freiheit zurück. Um eine Erfahrung reicher, wie Oli Clay findet. "Man weiß noch einmal zu schätzen, was ein Leben in Freiheit bedeutet", sagt er.