Wenn die Vernunft siegt

Für Fußballer an der Schwelle zum Profitum gestaltet sich die Zukunftsplanung noch komplizierter als für Bundesliga-Profis im Wartestand. Ein Beispiel ist Stefan Kohler. Mit großen Hoffnungen war der Schweizer vor einem Jahr zu Eintracht Trier gewechselt. Jetzt beendet der 27-Jährige Knall auf Fall seine Karriere.

Trier/Zürich. Stefan Kohler hat im Sommer 2010 große Pläne. Er will sich in der Fußball-Nation Deutschland zeigen. Mit Eintracht Trier etwas bewegen, seine Karriere voranbringen. Kohler war Jugend-Nationalspieler in der Schweiz und später ein gestandener Akteur in der eidgenössischen zweiten Liga (Winterthur, Schaffhausen).
Als 26-Jähriger sieht der defensive Mittelfeldspieler die Zeit für einen Wechsel ins Ausland gekommen. Seine Regionalliga-Saison mit Trier verläuft gut. Auf Kohler ist Verlass, er präsentiert sich als Viertliga-Spieler der gehobeneren Klasse.
Die Eintracht will frühzeitig mit ihm verlängern, doch Kohler hofft auf ein besseres Angebot. Er zögert, letztlich macht die Eintracht die Tür zu. "Ich bin nicht geldgierig. Aber ich konnte das Angebot nicht annehmen", sagt Kohler.
Was tun? In Deutschland bleiben? Zurück in die Schweiz? Kohler berichtet von einem losen Interesse des Wuppertaler SV, von einem nicht einträglichen Training bei den Stuttgarter Kickers, von Anfragen aus der Schweiz (Biel, Chiasso). Doch die zweite Schweizer Liga ist für Kohler keine Perspektive mehr. Der FC Thun dagegen ist ihm mehr als nur eine Überlegung wert. Erste Liga, Europacup. "Das hätte mich richtig motiviert", sagt Kohler. Doch wie es so oft im Fußball ist: Ein vermeintliches Interesse löst sich schneller in Luft auf, als man gucken kann.
Letztlich hätte Kohler nach eigener Aussage beim West-Regionalligisten Fortuna Köln unterschreiben können. Für 250 Euro mehr im Monat als bei der Eintracht. "Aber sportlich hätte es mich nicht weitergebracht."
Die Karriere am Scheideweg. Von den Gehältern und Prämien konnte Kohler gut leben, aber nichts beiseitelegen. Jetzt macht er einen Schlussstrich. Die Profi-Karriere - zu Ende mit 27 Jahren. "Ich habe ein paar Tage überlegt, ob das die richtige Entscheidung ist. Mein Gefühl sagt mir: Ja."
Dem Fußball wird Kohler nicht untreu. Mit Unterstützung des Grasshopper Club Zürich will er den Trainer-B-Schein machen. Parallel kickt er beim viertklassigen FC Dietikon. Im Verein vor den Toren Zürichs übernimmt er als Coach zusätzlich die B-Junioren. Ab Mitte August wird er außerdem arbeiten gehen - ein Bürojob ist in Aussicht. Kohler: "Ich mache einen großen Schnitt in meinem Leben. Wenn ich in ein paar Jahren 35 bin, wird es in meinen Beinen immer noch kribbeln. Doch es ist wahrscheinlich die einzig vernünftige Entscheidung, mir jetzt eine Existenz nach dem Fußball aufzubauen." bl