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Modellflug
Warum ein 78-jähriger Trierer mit dem Roller zur Modellsegler-WM in Rumänien gefahren ist.

Der Trierer Siegfried Römer (78) hat Tausende Kilometer auf dem Scooter zurückgelegt, um seinen 14-jährigen Enkel bei der Modellflug-WM in Rumänien zu unterstützen.
Der Trierer Siegfried Römer (78) hat Tausende Kilometer auf dem Scooter zurückgelegt, um seinen 14-jährigen Enkel bei der Modellflug-WM in Rumänien zu unterstützen. FOTO: TV / Andreas Feichtner
Trier. Warum ein 78-jähriger Trierer mit dem Roller zur Modellsegler-WM in Rumänien gefahren ist.
Andreas Feichtner

Pssst, ein kleiner Einblick in den Alltag der Sportredaktion. Bei den vielen Mails, die täglich ankommen, müssen wir gewichten, abwägen, uns Fragen stellen wie: Ist die Region Trier betroffen? Wie groß ist das Interesse an der jeweiligen Sportart? Wie hoch ist die Leistung einzuschätzen? Steckt eine besondere Geschichte dahinter? Ein Tennis-Vereinsmeister in Saarburg muss vielleicht nicht in der Gerolsteiner Ausgabe zu finden sein, eine Karate-Gürtelprüfung in Wittlich nicht unbedingt in Trier. Aber „Weltmeister“ macht sich in einer Mail immer gut. Weckt gleich Interesse. Denn so viele gibt es hier nicht. Richard Schmidt rudert nicht jeden Tag ein WM-Finale. Eigentlich schade.

Siegfried Römer aus Trier-Biewer, 78 Jahre alt, ist kein Weltmeister. Aber sein in der Nähe von München lebender 14-jähriger Enkel schon. Cyrill Römer wurde kürzlich mit der Junioren-Nationalmannschaft Weltmeister im Modellsegelfliegen. Mit dem MFI Markt Indersdorf. Im rumänischen Brasov. In der Klasse F3J. Und wer jetzt viele imaginäre Fragezeichen zwischen den Zeilen sieht: Sie sind nicht allein!

Aber Siegfried Römer ist nicht nur stolzer Opa, er schreibt auch beiläufig einen Satz in seine Mail, der den „Bayern? Weit weg!“-Gedanken nach hinten schiebt. Der neugierig macht. Dass das doch mehr sein kann als eine Kurzmeldung. Er sei mit seinem Scooter zur WM gefahren, um seinen Enkel zu unterstützen. Insgesamt 4000 Kilometer auf dem Roller. Als einziger deutscher Fan, übrigens. Schon bei der Modellsegelflug-EM im Jahr zuvor in der Slowakei machte er sich mit seiner Piaggio auf den Weg. „Das waren nur 2500 Kilometer“, sagt er. Cyrill gewann auch dort mit dem deutschen Team.

Warum fährt ein fast 80-Jähriger allein mit dem Roller durch halb Europa, wenn es Billigflüge nach Bukarest gibt? Was ist das für ein Mensch  – ein Abenteurer, Biker alter Schule, ein Easy Rider von der Mosel? „Kommen Sie doch mal vorbei“, sagt er am Telefon.

Ein paar Tage später. Römer bittet den TV-Reporter ins Arbeitszimmer, seine Frau Agnes kommt später dazu. Es gibt Kaffee, Kekse, Erinnerungen. „Meine Frau hat mich gefragt, ob ich wirklich noch mal fahren will“, sagt er. „Ich wollte. Denn heute kann ich noch gut fahren – aber wer weiß, wie lange noch?“ Bis zu 600 Kilometer fährt er am Tag. Vier Tage plant er pro Weg ein. Durch Bayern, Österreich, Ungarn. Durch die Walachei und über die legendären Serpentinen der Transfogarascher Hochstraße. Die hatte Diktator Nicolae Ceausescu einst bauen lassen. „Da gab’s ein plötzliches Unwetter. Ich war nass bis auf die Knochen.“ Aber sonst? Alles gut. „Man muss in Rumänien nur auf den Nebenstraßen unheimlich aufpassen“, empfiehlt er.

Wer weiß, wie lange es noch geht? Die gleiche Frage war schon vor 18 Jahren akut. Römer war damals schwer krank, lebensbedrohlich. Irgendwann ist da die fixe  Idee: Warum nicht mal Motorradfahren ausprobieren? Hat er nie zuvor gemacht. Kein schlichtes Midlife-Crisis-Hobby, dafür ist die Lage zu ernst. Zu verlieren gibt es nichts. Und den Ausschlag gibt seine Frau. „Wenn du es jetzt nicht machst, dann nie“, erinnert sie sich. Nach dem ersten kleinen Ausritt in Agnes Römers Heimatort Großlittgen war dann die neue Leidenschaft besiegelt – der Fahrtwind, die Freiheit, die Lockerheit. „Unter Motorradfahrern duzt man sich nur“, sagt Agnes Römer. Sie fährt immer noch gelegentlich mit – aber nicht mehr auf den ganz langen Strecken.

Nur mit dem alten Auto-Führerschein eine 125er zu fahren, war beiden dann schnell zu wenig. „Als mal ein Überholvorgang etwas länger gedauert hat, hat mir meine Frau gesagt: Es reicht – du machst jetzt den Motorradführerschein.“ Als über 60-Jähriger. „Dafür bin ich meiner Frau heute noch sehr dankbar.“

Die Maschinen wurden größer. Die Touren länger. „Ich bin mit meinem großen Motorrad über 155 000 Kilometer gefahren. Es ist mir schon schwergefallen, mich vor zwei Jahren von der Maschine zu trennen.“ - „Ich hatte Tränen in den Augen“, ergänzt Agnes Römer. „Es war immer interessant, wie wir von anderen Motorradfahrern angeschaut wurden, als wir die Helme ausgezogen haben.“

Seitdem fährt Römer den Piaggio Scooter, einen Roller mit drei Rädern, der entsprechend einfacher zu bändigen ist als die 1600er-Maschine zuvor. Mit Modellsegelflug hatte er nichts zu tun – bis Cyrill in diesem Sport zum Riesentalent wurde.

In der Klasse F3J – Sie erinnern sich? – wird der Segelflieger mit Hilfe eines Seils in die Luft gezogen. Bis zu zehn Minuten darf er schweben, dann muss er exakt eine Zielscheibe treffen – keine leichte Aufgabe, die Cyrill Römer und seine Teamkollegen hervorragend gemeistert haben. 2019 gibt es wieder eine EM, 2020 die nächste WM. Wieder mit Siegfried Römer auf dem Roller, nach dem 80. Geburtstag? Warum nicht? Weiß ja keiner, wie lange es noch geht.

Cyrill Römer (14) ist Junioren-Weltmeister im Modellsegelflug.
Cyrill Römer (14) ist Junioren-Weltmeister im Modellsegelflug.