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Politik: Die Tragödie des Martin S.

Politik : Die Tragödie des Martin S.

SPD-Chef Schulz ist in einem Jahr tief gefallen.

Hey Gottkanzler, wenn du übers Wasser laufen kannst, komm rüber. Das stand auf einem Plakat am anderen Spreeufer, als die SPD Martin Schulz in Berlin mit 100 Prozent zum Vorsitzenden wählte. Hinter der Ironie verbarg sich durchaus Angst. Schulz drohte Angela Merkel ernsthaft gefährlich zu werden. Selten ist ein Politiker im Ansehen so abgestürzt. Heute ist die Lage so, dass kaum jemand Schulz noch eine Kanzlerschaft zutraut. Selbst wenn er eine Mehrheit dafür hätte. Auch viele Sozialdemokraten würden den Mann inzwischen gern wieder loswerden. „Hosianna“ und „Kreuziget ihn“ liegen in der Politik manchmal nah beieinander. In diesem Fall genau ein Jahr.

100 Prozent war eine irrationale Zahl. Die Tragödie des Martin Schulz ist auch die Tragödie seiner aus dem Bauch heraus agierenden Partei, die sich an ihn als letzten Strohhalm klammerte und inzwischen jede Hoffnung auf die Macht hat fahren lassen. Es gibt aber einen anderen Teil der Schuld, der in der Person liegt. Den man von Beginn an hätte sehen können, wenn man kritischer hingeschaut hätte. Mindestens hätte man ihn dann nicht so überhöht.

Schulz war Europapolitiker. Da kannte und kennt er sich aus, mit den innenpolitischen Fragen Deutschlands eher nicht. Das berichten die Verhandler auch jetzt noch aus den Sondierungen, nach einem Jahr innenpolitischer Lehrzeit. Hinzu kommt das fast von Beginn an problematische Verhältnis zu den Medien. In Brüssel ist der Umgang sehr vertraut, der Grundton ist freundlich. In Berlin nicht. Schulz fühlte sich sofort gejagt, als die Berichterstattung kritischer wurde. Er nahm es persönlich und war schon nach wenigen Monaten so dünnhäutig, wie der aus dem beschaulichen Mainz in den Berliner Hyänenkäfig geworfene Kurt Beck erst nach drei Jahren.

Die Wahlniederlagen bei den Landtagswahlen im Frühjahr 2017 entzauberten Schulz‘ Nimbus. Sie nahmen ihm den Schwung, sein größtes Kapital. Sie stoppten den bis dahin hochgejubelten „Schulz-Zug“. Dabei lagen die Gründe dieser Niederlagen durchaus auf Landesebene. Etliche der Funktionäre, die jetzt „NoGroKo“ rufen, hatten daran großen Anteil, zum Beispiel in NRW. Aber der Kaiser stand plötzlich ohne Kleider da. Ohne Machtperspektive im Bund. Er reagierte darauf mit einem Themenhopping sondergleichen. „Arbeitslosengeld Q“, das „Chancenkonto“, Begrenzung von Managergehältern, Investitionspflicht des Staates – kaum etwas von diesen Anliegen findet sich im aktuellen Sondierungspapier der großen Koalition wieder.

Schulz hätte aus der krachenden Wahlniederlage gleichwohl noch als halbwegs unangefochtener Anführer der SPD herauskommen können. Wenn er sie danach denn sicher geführt hätte. Doch seine zu frühe und zu heftige Ablehnung einer großen Koalition, selbst noch nach dem Scheitern von Jamaika, führte die Partei in dieser besonders heiklen Situation in die Irre. Bis hin zur Selbstzerfleischung, die jetzt zu beobachten ist. Der Mann hat nur noch Angst um seine Position, das bleibt als aktueller Eindruck haften. Souveränität ist jedenfalls nicht zu erkennen. Dass er noch nicht einmal jetzt, da es wirklich um das Schicksal der SPD geht, die eigenen Minister-Ambitionen zurückstellt, unterstreicht das nachdrücklich.

Wenn sogar ein Sigmar Gabriel plötzlich als Ausbund von Stetigkeit erscheint und eine Andrea Nahles als Ausbund politischer Seriosität, dann hat Martin Schulz ein echtes Problem. Die Prognose sei gewagt: Zwei Jahre darf er den Parteichef noch machen. Höchstens.


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