Geradezu grotesk

Zum Artikel "Rezepte für eine bessere Medizin" (TV vom 4. Februar):

Seit Jahren warnen wir Ärzte vor dem drohenden Ärztemangel. Die Politik, aber insbesondere die Krankenkassen negieren dies hartnäckig, wie eben auch Herr Schneider vom Ersatzkassenverband. Kein Wunder, müssten die Krankenkassen sonst ja auch ihr eigenes Gebaren ändern, um dem Ärztemangel vorzubeugen.

Dabei haben wir es seit der Veröffentlichung des Versorgungsatlas' schwarz auf weiß: Bis 2020 werden über 30 Prozent der niedergelassenen Haus- und Fachärzte in den Ruhestand gehen (vorausgesetzt, sie arbeiten alle bis 68!). Schon jetzt finden nicht nur Hausärzte, sondern auch Fachärzte keine Nachfolger für ihre Praxen, und dies nicht nur auf dem Land, sondern auch in der Stadt.

So wird in den nächsten zehn Jahren eine nicht geringe Anzahl von Arztpraxen ihre Pforten schließen. Schon jetzt ist es häufig problematisch, Facharzttermine zu bekommen. Jeder hiervon Betroffene kann sich vorstellen, was in den nächsten Jahren auf uns zukommt. Ärzte aufs Land zu "versetzen", was auch TV-Kommentator Bernd Wientjes vorschlägt, ist vor diesem Hintergrund natürlich völlig unsinnig. Dies würde allenfalls im Moment eine gewisse Entlastung in den ländlichen Regionen bringen.

Dass sich Herr Schneider auf den Sicherstellungsauftrag der Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) beruft, ist geradezu grotesk: Seit Jahren demontieren die Krankenkassen systematisch das Image des Arztberufes beim Nachwuchs durch zunehmende Bürokratie, Regressforderungen und schlechte Vergütung und erschweren mehr und mehr die Arbeit der KVen.

Auch täte Herr Schneider gut daran, das Sozialgesetzbuch zu lesen. Hier steht: Wenn die ärztliche Versorgung nicht mehr sichergestellt werden kann, geht der Sicherstellungsauftrag wieder auf die Krankenkassen über. Dann kann er das Problem nicht mehr auf andere abwälzen.

Dr. med. Walter Gradel, Trier-Ehrang, Vorsitzender Vertragsärztliche Vereinigung Trier e.V., stellv. Vorsitzender Medi Südwest e.V.

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