HINTERGRUND

Welle Kättchen Die nachfolgende Geschichte (Auszüge) hat Willy Regnery aufgeschrieben. Katharina Well, auch "Welle Kättchen" genannt, wohnte zeitlebens drunten in Prüm, in der Ritzstraße, in ihrem armseligen Häuschen.

Sie wurde Mitte des vorigen Jahrhunderts geboren. Damals herrschte bittere Armut. Die Not zwang Kättchen, deren Vater ein armer Tagelöhner war, früh in das Joch schwerster Arbeit. Sie verrichte grobe Hausarbeiten und beschäftigte sich im Garten. Sie trug Stalldünger auf die Beete und werkte mit Hacke und Spaten. Nach dem Tod ihrer Eltern bewohnte Kättchen ihr Häuschen allein. Sie schaffte sich zwei Ziegen an, die sie in ihrer Wohnung hinter einem behelfsmäßigen Verschlag unterbrachte. Das Wasser für die Tiere holte sie aus dem nahen Duppborn, der ständig lief. Kartoffeln für ihren Gebrauch baute sie selbst auf einem Feld auf der Held an. Dorthin trug sie die mit einer Hotte den Geißenmist zum Düngen. Jahrein, jahraus sah man das arme Weiblein bei Wind und Wetter mit der schweren Last auf dem Rücken die steile "Hoperstell" hinansteigen zum "Hunert", wo ihr Acker lag. War Kättchen daheim, schlug sie tagsüber den oberen Flügel ihrer quer geteilten Haustür zurück. Dann stand sie gern an der "Jadder" (so nannte man den unteren Flügel der Tür) und beobachtete die Straße. Blieb sie unbeachtet, machte sie sich nicht selten durch einen vernehmlichen Gruß bemerkbar. Stolz war sie, wenn sie zuerst gegrüßt oder angesprochen wurde. Gern rauchte Kättchen dicken Tabak. Ihre kleine Tonpfeife hatte sie stets bei sich, und wenn ihr jemand einen gefüllten Tabaksbeutel anbot zum "Stoppen", so griff sie bereitwillig zu. Bei all ihrer Armut war Kättchen mit ihrem Los zufrieden. Froh und heiter schritt sie durch ihr hartes Erdendasein, neidlos schaute sie auf die Besitzenden. Nie war sie ernstlich krank und blieb - allen Entberungen zum Trotz - bis ins hohe Alter gesund. Sie bettelte nicht und beanspruchte nie Unterstützung von der Fürsorgestelle. Dazu war sie zu stolz. Kättchen war 76 Jahre alt. Da sah man sie mehrere Tage nicht auf der Straße und nicht an der "Jadder". Die Nachbarinnen fanden sie krank auf ihrem Lager, eingehüllt in zerlumpte Decken und Säcke, unfähig, sich zu erheben. Man bettete sie auf eine Trage und brachte sie ins Krankenhaus, wo sie kurze Zeit später, am 21. August 1921, starb. Ihr Häuschen wurde später abgerissen. Ihr Grab auf dem Friedhof ist vergessen, aber ihr Name lebt noch in einem bekannten Ausspruch: "Welle Kättchen trog jen Mest met jer Hot op jen Held." (Sie trug den Mist mit der Hotte auf die Held.) (sn)

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