"Bevor das Opfer geht, geht der Täter"

"Bevor das Opfer geht, geht der Täter"

KONZ. Der Blick für das Thema Mobbing in der Schule hat sich in den letzten Jahren geschärft. Im Rahmen der sechsten Gewaltpräventionswochen informierten sich 21 Lehrer in einem praxisorientierten Seminar, um dem Problem im Schulalltag besser begegnen zu können.

Nach einer Studie des Münchner Max-Planck-Instituts wird an deutschen Schulen mindestens eines von zehn Kindern ernsthaft schikaniert. Welche Folgen Mobbing für die Lern- und Leistungsfähigkeit und Gesundheit der betroffenen Schüler hat und welche Problemlösungsstrategien es gibt, verdeutlichten die Schulsozialarbeiterin Ulrike Schena-Heinrich und die Pädagogin Irene Stangl vom Haus der Jugend. 21 Lehrer und Lehrerinnen von verschiedenen Schultypen nahmen an der Lehrerfortbildung im Haus der Jugend an einem Vormittag teil - die Nachfrage hatte die Teilnehmerkapazitäten überschritten. Begonnen hatte das Seminar mit einer Fantasiereise, in der die Teilnehmer Mobbingerlebnisse aus der eigenen Schulzeit aufschrieben. Daran schlossen sich Rollenspiele, Filme und jede Menge praktischer Informationen an, wie man mit Schülern das Thema Mobbing aufarbeiten kann. "Ein einzelnes Kind wird von einer großen Gruppe in der Schule gemobbt. Ist es da nicht besser, wenn das Kind die Klasse oder sogar die Schule wechselt", fragte eine Lehrerin. Grundsätzlich sei es ihr lieber, wenn die Täter und nicht das Opfer gehen, lautete die Antwort von Schena-Heinrich. Notfalls bewirke alleine die Drohung "Bevor das Opfer geht, geht ihr" manchmal schon Wunder. "Das Opfer muss geschützt und gestärkt werden, sonst ist es eine verkehrte Welt", meinte die Schulsozialarbeiterin aus Saarburg. Dazu gehöre auch, dass die Schulleitung und das Kollegium einvernehmlich gegen das Mobbing vorgehen. Die Teilnehmer berichteten von körperlichen Symptomen betroffener Schüler wie Bauchschmerzen oder Migräne-Anfällen. Mobbingopfer kann jeder werden, stellten die Referentinnen klar. Menschen mit bestimmten Auffälligkeiten oder schwachen Selbstbewusstsein sind jedoch häufiger die Opfer. "Es ist wichtig, das Mittelfeld in der Klasse zu stärken, zu dem weder Täter noch Opfer gehören", meinte Schena-Heinrich. "Ihnen muss klar gemacht werden, dass der Polizeislogan ,Wer nichts tut, macht mit' auch für Mobbing gilt." Es gelte, die Mehrzahl der nicht mobbenden Schüler auf das Problem aufmerksam zu machen, um sie zu ermutigen, als Gemeinschaft dagegen vorzugehen. Um das Mobbing-Problem in einer Klasse transparent zu machen, kann ein Fragebogen helfen, in dem Schüler das Klassenklima bewerten. Vorbeugend gegen Mobbing wirken neben dem Präventionsprogramm Propp etwa positive Aktivitäten mit der Klasse, gemeinsame Projekte und regelmäßige Klassengespräche. Ist es bereits zu Übergriffen gekommen, stehen Gespräche mit Täter, Opfer, Eltern und dem Schulsozialarbeiter an. Außerdem können entsprechende Literatur oder Fachleute in den Unterricht einbezogen und Klassenregeln aufgestellt werden. "Bei manchen Kindern weiß man einfach nicht, warum sie gemobbt werden", sagte eine Lehrerin. "Andere Opfer sind einfach nicht sympathisch, fallen auf und sind nicht in die Klasse zu integrieren." Dann könne man wenigstens von der Klassengemeinschaft verlangen, die Betreffenden nicht zu quälen, sondern in Ruhe zu lassen, meinte Schena-Heinrich.