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Der Prediger aus dem Ruhrpott

Dietrich Grönemeyer fasziniert seine Zuhörer in der Synagoge in Wittlich. TV-Foto: Bernd Wientjes
Dietrich Grönemeyer fasziniert seine Zuhörer in der Synagoge in Wittlich. TV-Foto: Bernd Wientjes
WITTLICH. Er ist Deutschlands bekanntester Arzt, was er schreibt, wird zum Bestseller. Selbst wenn es nur altbekannte Lebensweisheiten sind, wie in seinem neuen Buch "Lebe mit Herz und Seele". Dietrich Grönemeyer las daraus im Rahmen des Eifel Literatur Festivals in der ausverkauften Wittlicher Synagoge. Von unserem Redakteur <br>

An ihm ist ein Pastor verloren gegangen. Sein früher Berufswunsch prägt den Professor aus Bochum anscheinend noch immer. Dietrich Grönemeyer hat eindeutig einen Hang zum Predigen.Mit weit ausholenden Armen verkündet der leger in blass-rotem, über der Hose getragenen Hemd und Cord-Jacke gekleidete 54-jährige, seine Botschaften: "Lebe jetzt", "Nutze deine Zeit", "Sei fröhlich und optimistisch". Es hat schon was Bekehrendes, was er aus seinem Buch "Lebe mit Herz und Seele" vorliest oder besser erzählt. Denn immer wieder verlässt er seinen Text, beginnt zu referieren oder eben zu predigen. Wenn er etwa über die Bedeutung von Glaubensgemeinschaften und von kirchlichen Ritualen spricht, dann klingt es, als wolle er gegen die Glaubenskrise argumentieren und die Zuhörer überzeugen, wieder zurück zur Kirche zu kommen.

Es dauert oft einen Moment, bis man bemerkt, dass er wieder aus dem mittlerweile auf der Bestseller-Liste stehenden Buch liest. Manchmal, vielleicht auch mit Absicht, verfällt er dann in seine Ruhrpott-Aussprache, aus Begegnen wird "Begechnen". Aber nicht so schlimm, wie bei seinem Bruder Herbert, der das Ruhrpott-Deutsch in früheren Liedern fast schon kultiviert hatte. Und vor allem nuschelt Dietrich Grönemeyer nicht. Er wechselt gekonnt, wie die Tonlagen. Redet mal leise, beschwörend, dann wieder lauter, eindringlicher. Das, was er frei vorträgt, deckt sich fast wörtlich mit dem Geschriebenen. Und die fast 300 Zuhörer in der übervollen Wittlicher Synagoge hängen an seinen Lippen, hören ihm ohne ein Husten oder Räuspern zu. Grönemeyer, der Arzt, dem die Patienten vertrauen.

Dabei hat er im Grunde nur Alltagsweisheiten zu verkünden, nichts Visionäres. Doch das kommt an. Manche sehen in seinem Buch sogar den wichtigsten Beitrag zur Wertediskussion – was jedoch übertrieben ist. Bei "Lebe mit Herz und Seele" handelt es sich lediglich um eine Aneinanderreihung altbekannter Inhalte von Lebenshilfen wie sie zu Dutzenden in Bücherregalen stehen. Sein Motto: "Jeder Mensch kann gesund bleiben und gesund werden auch ohne Arzt, jeder kann sich selbst heilen", etwa mit viel Bewegung oder von ihm griffig vereinfacht: "Turne bis zur Urne."

Das sind die Weisheiten, die die Zuhörer hören wollen. Schließlich kommen sie ja aus dem Mund von Deutschlands bekanntestem Arzt.

Mehr von Dietrich Grönemeyer lesen Sie am Mittwoch im Trierischen Volksfreund. Dort verrät er TV-Lesern, wie sie gesund und fit durch den Winter kommen. In einem Interview sagt er seine Meinung zur Gesundheitsreform und erklärt, warum die Deutschen auf hohem Niveau jammern.