Mosel Musikfestival: Publikum feiert Auftritt des Nagash Enselmbles

Musik : Ein weiser Erzbischof und mystische Klänge

Beglückende Begegnung mit einer  geheimnisvollen, uralten Kultur: Das armenische Naghash Ensemble war zu Gast beim Mosel Musikfestival – und zog die Zuhörer in seinen Bann.

Was macht solch einen Abend so spannend? Die faszinierende Musik, die Begegnung mit einer entlegenen, geheimnisvollen Kultur oder das Zusammenspiel der fabelhaften Musiker? Oder gar die  immer wieder atemberaubende Erkenntnis, wie nah sich Orient und Okzident sind? Keine Frage: Alles zusammen machte das Konzert des armenischen Naghash Ensembles beim Mosel Musikfestival zu einem beglückenden Ereignis.

Doch der Reihe nach: Geradezu apokalyptisch begann  der Abend  im Kloster Machern mit John Hodians donnernden Klavier-Akkorden und dem Unheil  dräuendem archaischen Gesang, der drei Sängerinnen, der an Carl Orffs „O fortuna, velut luna“ erinnerte. Anders als bei Orff ging es in der „Meditation on Greed“ nicht um das wendische Schicksal, sondern um die unausrottbare menschliche Gier, schrill veräußert durch die Duduk, die armenische Flöte. Gleich  in diesem ersten Stück wurde klar, was das Ensemble so meisterlich macht  und sein inzwischen internationales Renommee rechtfertigt: Die sieben Musiker (drei Sängerinnen und vier Instrumentalisten) unter der Leitung des armenisch-amerikanischen Pianisten und Komponisten John Hodian verstehen sich faszinierend auf große, vielfarbige dramatische Szenarien, wie auf subtilste musikalische Ausdeutung.

Dabei werden die Stimmen selbst zum  Instrument im konzertanten Kosmos. Wer von Heimaten und ihrem Verlust spricht (wie in diesem Jahr Musiksommer und Mosel Musikfestival) muss fast zwangsläufig auch von Armenien sprechen, dem fremden fernen Land zwischen Asien und Europa mit seiner uralten christlichen Kultur. Jahrhundertelang  erfuhren die Menschen dort Verfolgung, Exil  und sogar Völkermord. Heute leben, den Statistiken nach, die meisten Armenier im Ausland.

An die Mosel waren die Musiker mit  Gedichten des mittelalterlichen armenischen Poeten und späteren Erzbischofs Mkrtich Naghash (nach dem das Ensemble benannt ist)   gekommen.  Zu den in der Originalsprache gesungenen Texten las eine Stimme aus dem Off eine deutsche Übertragung. Selbst verbannt, reflektiert  der Geistliche in seinen Dichtungen das Elend der Verbannung und das Verhältnis von Mensch und Gott.

Naghash  beklagt die Sündhaftigkeit der Welt wie die Vergänglichkeit alles Irdischen, wendet sich gegen unversöhnten Groll und eben die Gier. Frappierend zeigte  sich, wie nah er dabei europäischer  Dichtung ist und wie zeitlos und  allgemein menschlich seine Gedanken sind. Als Synthese aus Tradition und  Gegenwartsmusik hat John Hodian die Dichtungen aus dem 15. Jahrhundert vertont. Im Spiel der Musiker tat sich eine vielfarbige, mitreißende Klangwelt auf, in der sich zeitgenössische Tonsprache, armenische Folklore und Jazzelemente  zur subtilen Innenschau verdichteten, die tief einsichtig  die seelische wie  spirituelle Welt der Gedichte im Klang ausdeutete.

Die Mystik ist die seelische und spirituelle Erfahrung des Geheimnisvollen. In diesem Sinn  wurde  das Spiel des Ensembles zum eindrücklichen mystischen Erlebnis. Nicht zuletzt verdankt sich das dem herrlichen Sopran von Hasmik Baghdarsaryan, der einem gregorianischen Gesang ähnlich, rein und engelsgleich zum Himmel stieg. Ihr zur Seite ihre stimmgewaltige Kollegin Tatevik Movsesyan. Arpine TerPetrosyans  dunkler Alt erdete die beiden Stimmen auf der Himmelsleiter.

Ein wunderbar beseelter Duduk-Spieler war  Emmanuel Hovhannisyan, dessen Flöten sich melancholisch sehnen wie gellend pfeifen konnten. Tigran Hovhannisyan sorgte an der Dhol (Trommel) mit dem Klavier für Rhythmus. An der Oud (Laute) Aram Nikoghosyan. Die knapp 300 Zuhörer, bunt gemischt vom Grundschüler bis zum Best Ager dankten mit stürmischem Applaus und Standing Ovations.

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