Hinter der Kurve wartet die Kelle

WITTLICH. Für viele ist es nur ein Kavaliersdelikt: Das Fahren ohne Gurt. Was die Polizisten bei Kontrollen alles zu hören bekommen, erfuhren wir, als wir ihnen am Wittlicher Schlossplatz über die Schulter schauten.

Es sei vorweg genommen: Am Tag, als der Trierische Volksfreund mitgehen durfte zur Gurtkontrolle von Autofahrern, wurde keiner der Ertappten frech. Manche regten sich ein wenig auf, einer sogar etwas mehr, doch Schreiereien und Beleidigungen blieben den Polizisten Manfred Raatz, Franz Ambrosius und Hermann-Josef Becker erspart. "Guten Tag, Verkehrskontrolle." Bei diesen Worten zuckt jeder Autofahrer zusammen. Zwar äußerst freundlich vom jeweiligen Polizeibeamten gesprochen, lösen sie doch in jedem ein rasantes gedankliches Abspulen aller möglichen Delikte hervor, bei deren Begehung man nun vielleicht erwischt wird. Dieses Mal geht es um das Anlegen des Sicherheitsgurtes - seit vielen Jahren eine Pflicht, die von einigen konsequent ignoriert wird. "Sonst immer, nur heute nicht"

Der Herr im tiefer gelegten schwarzen Golf, der gerade willig seine 30 Euro bezahlt, scheint nicht zu dieser Spezies zu gehören. "Das ist schon in Ordnung so", antwortet er lächelnd auf unsere Frage nach der Wirkung dieser Sanktion. "Ich lege sonst ja immer den Gurt an. Heute hab ich es nur vergessen." Spricht's, knipst ein Auge und fährt - nun brav angeschnallt - von dannen. Da, der Nächste. "Guten Tag, Sie sind nicht angeschnallt. Haben Sie eine Sondergenehmigung?" Nein, hat er nicht, der Herr im "dicken Benz", der gerade seine Frau zum Arzt bringt, die neben ihm sitzt und den Gurt ordnungsgemäß angelegt hat. Auch er zahlt ohne Murren seine 30 Euro. Franz Ambrosius erläutert die Sondergenehmigungen: "Es gibt befristete und Dauerausnahme-Genehmigungen. Der Arzt stellt ein entsprechendes Attest aus, dass der Autofahrer dann der Kreisverwaltung vorlegen muss." Da steht der nächste nicht angeschnallte Fahrer. Der Fahrer eines Lieferwagens erklärt, dass er gerade erst vor der Post losgefahren sei - keine 100 Meter von der Stelle entfernt, an der die Polizisten kontrollieren. Glück für ihn, dass der Lieferschein auf dem Beifahrersitz seine Aussage bestätigt. Er darf ohne Verwarnungsgeld weiterfahren. Und schon haben die Ordnungshüter wieder einen. Er stellt sich als alter Bekannter heraus, der nicht zahlen möchte. "Wollen Sie nicht oder können Sie nicht?", fragt Raatz. "Irgendwie will ich nicht, und selbst das Können fällt mir schwer", scherzt der Ertappte. Der Wortwechsel verläuft friedlich, freundlich, fast freundschaftlich. Die Lösung des Problems ist leicht: Der Mann überweist die 30 Euro an die Kreisverwaltung. Eine willkommene, wenn auch kleine finanzielle Hilfe außerhalb des längst verplanten Budgets. Plötzlich hat Becker einen Meckerer erwischt. "Ich bin gerade erst losgefahren. Warum glauben Sie mir nicht? Wie soll ich es denn beweisen? Ach Scheiße, es nützt ja sowieso nichts. Menschen wie Sie machen das Vertrauen bei mir kaputt." Deutsch ist nicht seine Muttersprache, aber das Kokettieren mit dem kaputten Vertrauen nützt auch nichts: Die 30 Euro sind fällig. Verwarnungsgeld im Gesetz festgelegt

Der Fahrer im Renault greift schnell nach dem Gurt, als er um die Ecke biegt und die Beamten sieht. "Zu spät", sagt Ambrosius, "Sie hätten ihn vorher anlegen müssen." Der junge Mann grinst: "Okay, okay. Wie viel wollt ihr? 50, 30, 20 Euro?" Leider könne er nicht handeln, bedauert der Beamte, das Verwarnungsgeld sei im Gesetz festgelegt. Er müsse die vorgeschriebenen 30 Euro verlangen. "Und denken Sie bitte das nächste Mal daran: Besser den Gurt anlegen!" "Ja natürlich, immer, immer!", schallt es fröhlich zurück. Manche Gurtkontrollen verlaufen weniger lustig als diese, erzählen die Polizisten. Außerhalb der Ortschaften rücken sie mit mehreren Leuten an. In einem Wagen sitzen Beamte, die unbeobachtet einen Blick in die schnell vorbeifahrenden Autos werfen. Hinter der nächsten Kurve stehen dann die Kollegen mit der Kelle und winken die Unangeschnallten heraus. Oberhalb des Wittlicher Schlossberges ist kein Fahrzeug schneller als 20 Stundenkilometer - ideal, um vom Straßenrand ins Auto einzusehen. Doch auch da können Schwierigkeiten entstehen. Raatz: "Wenn die Sonne falsch steht, sieht man wenig, und wenn es regnet, sieht man gar nichts mehr."