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Die rote Wasserkanne – Zeitzeugenbericht aus dem Jahr 1944

Die rote Wasserkanne – Zeitzeugenbericht aus dem Jahr 1944

Sie verschenkte Obst, Kleidung und Kuchen - trotz strenger Verbote: Die Mutter von Johann Traut (78) aus Orenhofen setzte sich für ausländische Arbeiter ein, die an der Bahnstrecke Trier-Köln für Ausbesserungsarbeiten eingesetzt worden. Eine Erinnerung daran ist heute im Familienbesitz.

Wir wohnten damals in Mürlenbach, nahe am Bahndamm der Strecke Trier-Köln. Auf dieser Bahnstrecke wurden die Gleisunterhaltungsarbeiten zu jener Zeit von ausländischen Arbeitskräften, meist alte Männer, Frauen, Mädchen und junge Burschen, die von deutscher Aufsicht bewacht wurden, durchgeführt.

In der Erntezeit besorgte sich meine Mutter von Verwandten und Bekannten Körbe mit Obst. Es war damals streng verboten, den armen Menschen, die in den Gleisen schufteten, etwas zu Essen zu geben. Unsere Mutter aber setzte sich regelmäßig vor das Haus und tat so, als ob sie Obst einmachen wollte. Dann dauerte es meistens nicht lange und einer von den jungen Burschen kam ängstlich und zaghaft heran, nahm seine Mütze vom Kopf und deutete auf das Obst. Mutter hatte ja darauf gewartet und wusste, worum es ging. Als der Erste sein Obst in die Mütze bekam, schlossen sich die Anderen an, bis die Körbe leer waren. Dies wurde auch stillschweigend von den Aufsehern geduldet.

Die Fremdarbeiter waren auf dem Bahnhof in Baracken untergebracht. Mutter ging auch oft mit mir dorthin und verteilte Kleidungsstücke, Kuchen und Torten. Die Sachen wurden von einer jungen Polin, die Deutsch sprechen konnte, in Empfang genommen.

Aber die Touren zum Bahnhof blieben natürlich nicht geheim. In unserer Straße waren Leute, die Mutter beobachteten und anzeigten. Ein Mann aus unserer Straße war Vorsteher auf dem Bahnhof und lauerte uns auf. So kam der zuständige Gendarm zu uns nach Hause, um Mutter abzuholen. Er redete auf sie ein, dass sie doch fünf Kinder hätte und es unterlassen solle, sich durch die Versorgung der Zwangsarbeiter in Gefahr zu bringen. Ansonsten könnte er nicht mehr anders und müsse sie mitnehmen. Dann würde sie ins KZ gebracht werden.

Unsere Mutter hat jedoch nicht damit aufgehört; allerdings wurde nicht lange danach das Lager aufgelöst. Einen Tag zuvor kam die junge Polin zu uns in die Wohnung und wollte sich verabschieden. Leider waren unsere Eltern nicht daheim und wir Kinder waren alleine. In gebrochenem Deutsch bedankte sie sich herzlich für alles Gute, das Mutter ihnen getan hatte und schenkte uns aus Dankbarkeit ihre einzige Habe - nämlich eine große rote Wasserkanne.
Die erwähnte rote Wasserkanne wurde von uns in Ehren gehalten und ist heute noch im Familienbesitz. Für die Fremdarbeiter war es letztendlich ein großes Glück, dass das Lager zu dieser Zeit aufgelöst wurde, weil kurz vor Weihnachten 1944 ein Munitionszug auf dem Bahnhof von Jagdflugzeugen in Brand geschossen wurde. Johann Traut