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Meinung zur schrittweisen Schulöffnung in Rheinland-Pfalz

Bildung : Klingt gut, ist es aber nicht

Klar. Das klingt gut, wenn Politiker gestressten Eltern und einsamen Kindern nach extrem anstrengenden Wochen sagen können: Die Schulen sind wieder geöffnet.

Nur: unter welchen Bedingungen? Und: Was bringt das wirklich? Die ersehnte Normalität wird es in diesem Schuljahr definitiv nicht geben. Die meisten Schulen haben viel zu wenig Platz und Personal, um normalen Unterricht zu ermöglichen.

Wenn die 1,5 Meter Abstand auch in der Schule eingehalten werden sollen – und das ist das einzig Vernünftige, solange es keinen Impfstoff gegen Covid-19 gibt – dann können nicht alle Schüler zurückkehren. In vielen Fällen wird es wohl nicht einmal gelingen, die Hälfte der Kinder gleichzeitig vor Ort zu unterrichten.

Wer darauf hofft, im Homeoffice bald seine Ruhe zu haben, könnte also bitter enttäuscht werden. Werden die Kinder doch nur wochen- oder gar nur tageweise „echten“ Unterricht im Klassenzimmer bekommen können. Manchen Eltern mag jede noch so kleine Entlastung recht sein. Und sie ist ihnen wahrlich zu gönnen.

Eine wirkliche Lösung präsentiert die Landesregierung mit ihrer schrittweisen Schulöffnung allerdings nicht. Diese ist wenig mehr als ein politisches Zeichen: Schaut her, es geht weiter. Ein Hoffnungsschimmer. Ein ganz kleines bisschen „Normalität“ in schwierigen Zeiten. Aber auch eine gewaltige Herausforderung für alle Beteiligten.

Denn da ist ja auch die Angst vor Ansteckung und einer neuen Infektionswelle. Lehrer berichten: Schon jetzt, mit so wenigen Schülern vor Ort, gelingt es nicht, permanent für genügend Abstand zu sorgen. Selbst älteren Schülern fällt es schwer, die Distanz zu wahren, wenn sie ihre Freunde endlich wiedersehen. Und dass Kleinere beim Spielen und Lernen darauf achten, ist absolut illusorisch.

Kein Wunder, dass Schulleiter sich nach der Ansage aus Mainz Sorgen machen, ob es gelingen kann, die Hygienestandards umzusetzen, wenn bald wieder mehr Schüler vor Ort sind.

So schön es auch sein mag, Lehrer und Freunde wiederzusehen: Für viele Kinder dürfte die Rückkehr auch Stress, Verunsicherung und das Gefühl von Ohnmacht mit sich bringen. Daran, dass das Ganze pädagogisch viel bringt, zweifeln sogar die Schulleiter. Natürlich ist es gut, die Schüler mal wiederzusehen, über mögliche Probleme mit dem Fernunterricht zu reden, Nicht-Verstandenes persönlich zu erklären. Aber normalen Unterricht wird es bis zu den Ferien wohl kaum geben.

Warum also? Warum hat man nicht – so wie dies mal gedacht war – nur die schwächeren Schüler zurückgeholt, die Kinder aus schwierigen Familienverhältnissen und die, deren Eltern beruflich dringend auf eine Betreuung angewiesen sind? Und alle anderen bis zu den Ferien so unterrichtet wie sie es aus den vergangenen Wochen bereits gewohnt waren? Jetzt muss das Rad innerhalb eines Halbjahres schon zum zweiten Mal neu erfunden werden. Da kann man nur hoffen, dass die Landesregierung für das kommende Schuljahr einen besseren Plan entwickelt.

k.demos@volksfreund.de