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Pilgertour von Schönberg nach Trier

Tradition : Einst von der Seuche verschont: Schönberger pilgern nach Trier

Aus Dankbarkeit pilgern Bürgerinnen und Bürger aus Schönberg seit Jahrhunderten einmal im Jahr nach St. Matthias in Trier. Außer in diesem Jahr.

Biegt man in der Nähe von Thalfang von der Hunsrückhöhenstraße ab, schlängelt sich eine Straße durch Wiesen und Felder. Sie führt ins idyllisch gelegene Schönberg, ein Dorf mit rund 250 Einwohnern. Wer hier aufwächst, hört mit Sicherheit irgendwann von dem großen Glück der Vorfahren. Von Generation zu Generation wird weitergegeben, dass die Menschen in Schönberg von einer großen Seuche verschont geblieben waren.

Wann genau es um welche Krankheit ging, weiß niemand mehr so genau. „Pest oder Diphterie“, sagt Gaby Klassen (57). „Heute würde man sagen, es ging um eine Pandemie.“ Nirgendwo stehe etwas geschrieben, aber darüber geredet werde seit Jahrhunderten und immer noch. Und bis heute pilgern Menschen aus Schönberg einmal im Jahr aus Dankbarkeit nach Trier. „Es war Tradition, dass aus jedem der etwa 60 Haushalte jemand mitging“, sagt Klassen.

Die Fußpilgergruppe ist in den vergangenen Jahrzehnten merklich geschrumpft. In den 90er Jahren waren sie an die 40 Männer, Frauen und Kinder, zuletzt waren sie nur noch zu dritt: Gaby Klassen, Anne Leisen (57) und Rita Junk (51) – alle drei arbeiten übrigens als Krankenschwester oder Arzthelferin. Start ist immer freitags um Mitternacht vor dem Dreifaltigkeitssonntag. Sie gehen 24 Kilometer durch die Juninacht – Schönberg, Büdlicherbrück, Fell, Eitelsbach, Verteilerkreis. „Dann sind wir platt, die letzten Kilometer fahren wir mit dem Bus“, sagt Rita Junk. So wie etwa 20 Schönbergerinnen und Schönberger, die älter oder nicht gut zu Fuß sind. Sie legen die komplette Strecke mit dem Bus zurück, um samstagmorgens in St. Matthias in Trier-Süd mit dabei zu sein.

Alle beten und singen während sie gehen oder gefahren werden. An den drei Kapellen, die auf dem Weg liegen, machen sie Halt, kehren in sich, beten, gehen weiter. Das erzählt Anne Leisen. Es sei wie Meditation, sagt sie.

In der Benediktinerabtei kennt man die Pilgerinnen aus dem Hunsrück. Der Ablauf dort ist vertraut: heilige Messe, Segnung der mitgebrachten Kerze, gemeinsames Frühstück. Zurück in Schönberg – alle fahren mit dem Bus – wird die Kerze in der Dorfkirche aufgestellt.

Nur in diesem Jahr war alles anders. Wegen Corona konnte keine Messe stattfinden, die Pilger haben sich nicht auf den Weg gemacht. „Man sagt, während des zweiten Weltkriegs seien die Bewohner ebenfalls einmal nicht gegangen“, sagt Junk. Auch damals habe die Gemeinde Glück gehabt, das Dorf sei von Bomben verschont geblieben. Daran erinnert ein liebevoll gepflegtes Wegekreuz am Ortseingang.

Wird die nächste Generation die Tradition, die aus der Zivil- und nicht aus der Kirchengemeinde kommt, weiterführen? Klassen zuckt mit den Schultern. „Wir werden sehen“, sagt sie. Ihr Sohn sei einmal mitgegangen, als er zehn war, auch andere Kinder aus dem Dorf. Aus der gleichen Motivation heraus, aus der sie vor etwa 20 Jahren das erste Mal mitgepilgert war: „Da geht man halt mit“, erklärt die Schönbergerin den Grund, 24 Kilometer durch die Nacht zu gehen.

Die alljährliche Wallfahrt soll im kommenden Jahr wieder stattfinden Glück hatten die Pilgerinnen und Pilger bislang auch auf dem Weg, ob zu Fuß oder per Bus. „Es ist noch nie etwas passiert“, sagt Klassen.