Erinnerungen an ein totes Dorf

Erinnerungen an ein totes Dorf

STEININGEN. Blickt man etwa 150 Jahre zurück, in eine Zeit, als die Eifeler Erde je nach Beschaffenheit bestenfalls das Lebensnotwendige lieferte, wurde Allscheid, eine Siedlung zwischen Steiningen und Darscheid, zum verschwundenen Dorf.

Hubert Häb, von 1965 bis 1979 Bürgermeister in Steiningen, ist ein Kenner der Geschichte des Dorfs. Er kann spannend erzählen, warum Allscheid, einst Ortsteil von Steiningen, zum "verschwundenen Dorf" im Alfbachtal wurde. "Um die 80 Menschen wohnten 1852 dort in 16 Häusern. Mancher verschrie den Ort als Spielerort, in dem Faulheit, Saufgelage, Raub und Betrug an der Tagesordnung waren, so dass eine negative Entwicklung unvermeidbar schien. Mancher behauptete, diese Untugenden hätten die Bewohner ins Unglück gestürzt. Aber es waren unrechte Worte, die über diese Menschen verbreitet wurden", erzählt Häb. Die Allscheider sahen die Möglichkeit eines Überlebens, eine Zukunft in ihrer Heimat immer mehr schwinden. Hunger und Not rührten von übermäßigen Steuern und schlechten Ernten auf dem kargen Eifelboden her. Auch Getreide- und Holzspenden aus Steiningen oder Darscheid konnten die Verzweiflung nicht lindern.Steiningen kauft die Tochtergemeinde

Schließlich entschieden sich 19 Familien, ihre Heimat zu verlassen und nach Amerika auszuwandern. Als der Gemeinderat Steiningen-Allscheid am 22. Mai 1852 beschloss, dass Steiningen alle Ländereien und Wälder der Tochtergemeinde kauft, mussten die Allscheider ihr Vorhaben in die Tat umsetzen, denn sie besaßen keine Bleibe und keinen Heimatboden mehr. Etwa 3000 Taler verschlang die Überfahrt in die neue Welt, aber auch die Übersiedlung von drei nicht zum Auswandern bereiten Familien nach Steiningen musste finanziert werden. 2250 Taler erbrachten die Ländereien, die größtenteils ohnehin schon verpfändet waren. Lediglich für den Wald, der von einem Dauner Oberförster geschätzt wurde, erhielt man 3000 Taler. "Das Geld wurde für die Amerika-Überfahrt ausbezahlt, wobei wir heute wissen, dass noch ein paar Taler übrig blieben, die an die Auswanderungswilligen ausgezahlt wurden", berichtet Häb. Das Dorf sollte dem Erdboden gleichgemacht werden, damit niemand mehr auf den unfruchtbaren Schollen Saat ausstreute und siedelte.66 Menschen auf dem Weg nach Amerika

Hubert Häb wehrt sich heute noch gegen die Behauptung, die Steininger hätten ihre Allscheider Nachbarn erpresst und deren Not ausgenutzt. Er stellt klar: "Alle Familien haben durch ihre Unterschrift den reellen Kaufpreis bestätigt, der die Überfahrt nach Amerika ermöglichte. Sie beschwerten sich weder bei der Obrigkeit, noch wurden sie von den Oberen aufgehalten, die unbedingt Auswanderungen verhindern wollten. Die Steininger haben mit dem Kauf sogar Hilfe geleistet, damit die Allscheider auswandern konnten." So wurde Allscheid zum "toten Dorf", denn 66 Menschen aus 17 Familien wagten im Juli 1852 das "Abenteuer Amerika" mit einem Vermögen von 1750 Talern. Ein halbes Jahr nach der Auswanderung verschwanden alle Allscheider Gebäude, nur die kleine Dorfkapelle blieb stehen. Sie wurde später jedoch ebenfalls abgerissen. "Oft wurde böswillig berichtet, die Allscheider seien nie an ihrem Ziel angekommen", erzählt Häb. Er besitzt einen Brief der Allscheiderin Maria Dreis aus St. Paul (US-Bundesstaat Minnesota) vom 11. Mai 1890, den er wie einen Schatz hütet. Darin ist zu lesen: "Wir sind sehr froh, dass wir nach Amerika gegangen sind und haben uns hier besser geholfen, als wir es in Deutschland hätten tun können. Mutter wünscht sich oft, dass alle armen Leute in Deutschland so satt wären wie wir. Die Kinder sind gut verheiratet und haben ein gutes Einkommen." "Intensiver Kontakt mit den Allscheider Amerikanern bestand nie, und so ist doch trotz aller Aufzeichnungen und Überlieferungen des Volksmunds ein Stück Ungewissheit geblieben", bedauert Häb. Aber das "verschwundene Dorf" ist nicht vergessen. Steiningen hat 1990 neben der bereits vorhandenen Kapelle auf Anregung von Häb eine vom ehemaligen Steininger Lehrer Adolf Molitor entworfene Gedenktafel erstellt, die vom verschwundenen Dorf erzählt.