IG Metall: 1300 Beschäftigte wählen Zeit statt Geld

Gewerkschaft : 1300 Beschäftigte wählen Zeit statt Geld

Der Trierer Gewerkschaftschef über Arbeit 4.0, den Fachkräftemangel und Probleme in der Region.

Die IG Metall ist in Sachen Tarifpolitik oft Taktgeber für alle Branchen. Wie sieht es mit der Gewerkschaft in der Region aus, wo sind die Herausforderungen und Chancen? Mit dem IG-Metall-Bevollmächtigten für die Region, Christian Z. Schmitz, sprach TV-Redakteur Heribert Waschbüsch.

Wie hat sich die IG Metall in der Region Trier in den vergangenen Jahren entwickelt?

SCHMITZ Die Mitgliederentwicklung ist eindeutig positiv. Wir hatten vor der Konjunkturkrise 2007/2008 schon knapp 5700 Mitglieder, sanken dann auf 5100 und sind heute bei rund 6300 Mitgliedern, das ist eine tolle Entwicklung.

Wie sieht es mit der Altersstruktur aus?

SCHMITZ Es gibt immer mal wieder Zugänge in allen Altersgruppen, das hängt auch mit dem Konfliktpotenzial zusammen. Grundsätzlich ist es so, dass wir vor allem bei den jüngeren Menschen Mitglieder gewinnen. Wir sind da eher untypisch, entgegen dem allgemeinen demografischen Trend. Wir sind ganz stark bei den Kollegen über 55 Jahren, dann haben wir eine Delle bei den 40- bis 55-Jährigen, obwohl die in den Betrieben die größte Beschäftigungsgruppe ausmachen. Und bei denen unter 40 Jahren haben wir eine deutlich steigende Entwicklung und einen spürbaren Zugang vor allem jüngerer Kollegen.

Bei der IG Metall denkt man gerne an die Großindustrie. Wo kommen die 6300 Mitglieder in der Region her?

SCHMITZ Wir haben, wenn man alle kleinen Betriebe in allen Branchen mitzählt, insgesamt ein Potenzial von etwas unter 25 000 möglichen Mitgliedern in der Region. Unter den 6300 Mitgliedern sind Rentner, Studierende, aber auch Arbeitslose und Kranke. Doch wir haben über 5000 betriebliche Mitglieder und damit einen Organisationsgrad von über 20 Prozent. In allen großen und mittelgroßen Betrieben unserer beiden Hauptbranchen sind wir sehr stark, wir brauchen uns vor niemandem zu verstecken.

Die Industrie-Gewerkschaft Metall vertritt aber nicht nur die typischen Metallbereiche ...

SCHMITZ Genau. Wir vertreten die Beschäftigten in mehreren großen Branchen. Das sind die Metall-Elektro-Industrie, die Holz-Kunststoff-Industrie, die hier in der Region auch bedeutend ist, und die Textil-Industrie. Davon ist hier wenig übrig, aber dazu gehören etwa die Wäschereien. Und die IG Metall vertritt auch 80 der rund 120 Handwerksgewerke, und das ist in unserer Region keine kleine Zahl.

Wie sieht die IG Metall-Arbeit in den eher kleinen Handwerksbetrieben aus?

SCHMITZ Bei den 80 Gewerken, die wir vertreten, ist die Lage sehr unterschiedlich und doch oft gleich. So sind wir in der KFZ-Branche noch mitgliederstark und arbeitskampffähig, aber auch dort gibt es dieselben Probleme. Es gibt im Handwerk noch sehr gute Tarifverträge. Wir sind in Rheinland-Pfalz/Saarland noch einer der wenigen, die bundesweit mit den Innungen die Tarifverträge abschließen. Ich persönlich habe im vergangenen Jahr 86 Arbeitsverträge von Kollegen im Handwerk überprüft. Nur zwei waren tarifkonform. Das Tarifrecht gilt, doch wo kein Kläger, kein Richter. Wenn das Handwerk da über fehlende Fachkräfte schimpft, darf man sich nicht wundern.

In den vergangenen Jahren haben sich die Forderungen der Gewerkschaft in den Tarifverhandlungen gewandelt. Ein Ansinnen im vergangenen Jahr war der Wunsch ,Zeit statt Geld’, der ja auch erreicht wurde. Wie wurde das in der Region angenommen?

SCHMITZ Das wurde sehr gut angenommen. Die Arbeitgeber wollen mehr Arbeit ins Leben packen, und wir wollen mehr Leben in die Zeit packen. Und das haben wir in der letzten Tarifrunde erreicht. Das ist eine sehr schöne Geschichte, weil es eben darauf ankommt, mehr Arbeitszeitsouveränität – nicht Flexibilität für die Arbeitgeber –  sondern auch Souveränität für die Arbeitnehmer durchzusetzen. Das war keine leichte Forderung. So können Sonderzahlungen in Freizeit umgewandelt werden. So können viele tariflich nun Zeit und Geld gegeneinander austauschen, und das nutzen auch einige Betriebe in der abschwächenden Konjunktur. Und für viele Beschäftigte hat sich die Priorität gewandelt. Früher war das Geldthema absolut dominant, heute sind die Fragen ,gibt es hier Schicht’, ,wie sind die Arbeitszeiten’ für viele auch wichtig.

Wie viele haben sich denn konkret auch dafür entschieden?

SCHMITZ Wir haben von den tarifgebundenen Beschäftigten über 1300 genehmigte Umwandlungsanträge von Geld in Zeit erhalten. In drei Betrieben verhandeln wir derzeit, ob man Zeit in Geld nicht ausweiten kann. Denn bei einer Konjunkturschwäche ist das auch eine Möglichkeit, Beschäftigung zu sichern. Dass 1300 Menschen sich für Zeit statt Geld entschieden haben, zeigt uns auch, dass das Instrument angenommen wird. Das war die richtige Forderung zur richtigen Zeit.

Wer kann das nutzen, jeder oder nur Gewerkschaftsmitglieder?

SCHMITZ Einen Rechtsanspruch darauf haben nur IG-Metall-Mitglieder. Oft ist es aber so, dass die Arbeitgeber die Vorzüge der Tarifabschlüsse auch den Nichtmitgliedern gewähren, weil sie nicht wollen, dass noch mehr in die Gewerkschaft eintreten. Von den Antragstellern sind aber auch 85 bis 90 Prozent als Mitglieder in der IG-Metall.

Die Tarifgebundenheit ist in allen Branchen und allen Regionen sehr unterschiedlich und eher rückgängig. Wie sieht es hier in der Region aus?

SCHMITZ Wir haben einen Betrieb im vergangenen Jahr gehabt, der aus der Fläche ausgestiegen ist. Das hat aber gar nichts mit den Tarifforderungen zu tun gehabt. Dort haben wir aber einen Haustarifvertrag erreicht. Und insgesamt haben wir in der Region eher einen gegenteiligen Trend, gerade weil die Tarifverträge für viele Beschäftigte sehr attraktiv sind. Wir haben seit dem vergangenen Jahr drei Betriebe mehr in die Tarifbindung gebracht. Das zeigt, dass Tarifverträge auch das Gegenteil bewirken können, nämlich: „Das, was die anderen haben, will ich auch.“

Was sind die großen Baustellen, die Herausforderungen in den Betrieben in der Region?

SCHMITZ 60 Prozent unserer Mitglieder arbeiten in der Automobilzuliefer-Industrie. Die europäische Autoproduktion sinkt gerade um zehn Prozent. Das spüren die Zulieferer zuerst, und sie stehen in einem engen Wettbewerb. Und wir haben hier oft verlängerte Werkbänke, wo die strukturellen Unternehmensentscheidungen ganz woanders getroffen werden. Offensichtlich ist es so, dass Rohstoffnähe und Fachkräfte immer weniger entscheidend sind, sondern strategische Marktnähe. Man zieht also den Automobilisten hinterher.

Ganz offensichtlich ist die Firma Ergocast für die IG Metall eine Baustelle ...

SCHMITZ Bei Ergocast liefen über anderthalb Jahre Tarifgespräche. Wir waren völlig überrascht, als das Unternehmen Insolvenz angemeldet hat. Mich hat auch überrascht, dass dann Insolvenz in Eigenverwaltung beantragt wurde, weil es ein strategischer Finanzinvestor ist, dem Ergocast gehört. Die Insolvenz läuft noch. Wir haben verschiedene Absprachen getroffen, damit es weitergehen kann. Uns ärgert es allerdings, dass der Arbeitgeber nicht im Vorfeld auf uns zugekommen ist. Denn Ergocast hat schon in der Vergangenheit eine erhebliche Abweichung vom Lohn gehabt und hat dann in einer Pressemitteilung gesagt, ein Grund für die Insolvenz seien die tariflichen Steigerungen durch die IG Metall gewesen. Doch die Tarifsteigerungen waren durch den abweichenden Tarifvertrag dort gedeckelt. Trotzdem hat es die Geschäftsführung in den vergangenen acht Jahren der konjunkturellen Hochphase nicht geschafft, in die Gewinnzone zu kommen. Wir hoffen das Beste und haben unseren, wirklich schmerzlichen, aber verantwortlichen Teil dazu beigetragen. Aber wir bleiben skeptisch. (Anm. der Red.: Die Gießerei in Jünkerath beschäftigt 140 Mitarbeiter bei Ergocast Guss und 60 weitere bei der Tochtergesellschaft Ergocast Service).

Was wird die Industrie 4.0 aus den Unternehmen in der Region machen?

SCHMITZ Wir setzen der Industrie 4.0 das Thema Arbeit 4.0 an die Seite, weil sich auch die Arbeit entsprechend verändern wird. Das heißt aber nicht Entgrenzung der Arbeit, sondern Chancen beim Wandel der Arbeitswelt. Wir haben als IG Metall bundesweit einen Transformationsatlas ins Leben gerufen, indem wir aus Beschäftigtensicht die Chancen und Risiken einschätzen. Das haben wir auch in zwei Betrieben in der Region angesetzt, denn wir wollen, dass die Beschäftigten nicht nur mitgenommen werden, sondern wir wollen den Prozess aktiv gestalten.

Zum Abschluss ganz kurz: Wie bewerten Sie den Ausgang der Europa- und Kommunalwahl?

Mehr Zeit hat die Gewerkschaft für ihre Mitglieder gefordert. Mit dem Instrument „Zeit für Geld“ ist das gelungen. Rund 1300 Beschäftigte in der Region verzichten auf Sonderzahlungen und erkaufen sich damit Freizeit. Foto: dpa/Caroline Seidel

SCHMITZ Im Politischen werden schon länger gut fundierte Argumentationen durch möglichst „authentische Empörung“ ersetzt. Das macht unsere gewerkschaftliche Arbeit nicht leichter. Auch weil es so starke regionale Unterschiede bei den Wahlergebnissen in Deutschland gibt, ist das Wahlergebnis ambivalent und nicht schnell mit „gut“ oder „schlecht“ zu beurteilen. Das Aufkommen rechter Parteien ist allerdings auch das Ergebnis jahrzehntelanger neoliberaler Dominanz. Durch die mediale Inszenierung von Empörungen werden die eigentlichen gesellschaftlichen Macht- und Konfliktlinien verschleiert. Wir sind noch eine der wenigen Organisationen, wo Menschen Solidarität in einem Konflikt erleben. Was wir schaffen müssen, ist, dass sich die Kolleginnen und Kollegen selbst als Akteure wahrnehmen, die etwas ganz konkret verändern können, allerdings nur, wenn sie zusammenhalten. Dazu hat das Wahlergebnis weder beigetragen noch es unmöglich gemacht. Wir haben ganz konkrete Forderungen an die politischen Akteure in Europa. Und die werden wir auch machtvoll einfordern und zwar von allen Parteien.

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