Vom Ende der Schmerzen

Diane Van Deren ist eine außergewöhnliche Frau. Die 50-jährige Amerikanerin sorgt als Laufwunder für Staunen. Denn scheinbar unbekümmert absolviert sie Rennen wie das legendäre North Face 100, bei dem 100 Kilometer und 640 Höhenmeter zu bewältigen sind. Sie scheint Schmerz und Entbehrung nicht zu kennen, die den Teilnehmern eines solchen Ultra-Marathonlaufs unweigerlich begegnen.

Die Geschichte hinter diesen Ausnahmeleistungen ist im Aprilheft von Runner\'s World niedergeschrieben: Die bereits gute Ausdauersportlerin Diane Van Deren wurde im Alter von 28 Jahren erstmals von epileptischen Anfällen heimgesucht, die in der Folge immer schlimmer wurden. Sie lernte, mit Hilfe des Laufens die sich ankündigenden Anfälle zu kontrollieren. Lief immer sofort los, wenn sie das Herannahen spürte. Dennoch gelang die Flucht nach vorne nicht immer. Zunehmend wurde die Frau von großen, lebensbedrohlichen Anfällen heimgesucht, bei denen auch Gehirnzellen unwiederbringlich zerstört wurden. Mit Unterstützung ihres Mannes entschloss sich Van Deren deshalb 1997 zu einer Operation, bei der ihr der Teil des rechten Schläfenlappens entfernt wurde, in dem die unkontrollierbaren Nervengewitter entstanden. Bereits vier kopfschmerzreiche Wochen später begann Diane wieder mit dem Lauftraining und dreht ihre Runden seitdem täglich. Die durch die Epilepsie verursachten Schäden, die vor allem das Gedächtnis betreffen, konnten zwar nicht repariert werden. Allerdings hatte die lebensrettende OP einen beachtlichen Nebeneffekt: Ihre Schmerztoleranz scheint nun fast grenzenlos, übernatürlich. 2004 zum Beispiel lief die damals 44-Jährige innerhalb von sechs Monaten sieben Ultra-Läufe, davon drei über 150 Kilometer. Wenn ich an das Gefühl in meinen Beinen bei einem Marathon denke, dann könnte ich ein bisschen neidisch werden. Aber dafür ein Teil des Gehirns entfernen zu lassen, käme nicht infrage. Und (Achtung Ironie!) es ist auch ein schönes Gefühl, wenn der Schmerz nach dem Rennen wieder nachlässt. TV-Redakteur Rainer Neubert ist ambitionierter Hobbyläufer und stellt diesen Sport in den Mittelpunkt seiner immer donnerstags erscheinenden Kolumne sowie seines Blogs Midlifecrisis ( http://midlifecrisis.blog.volksfreund.de)