Wenigstens einer hat Spaß!

Joachim Löw hat extrem gute Laune. Die ganze Kritik nach dem 0:0 gegen Polen scheint ihn völlig kalt zu lassen. In einer Pressekonferenz hat er sich nun zu so manchem Nörgler und zum Thema Führungsspieler geäußert.

Evian-les-Bains. Der Tag beginnt mit einem geradezu herausgeschmetterten "Guten Morgen!" Joachim Löw betritt die Szene, in Schwarz vom Scheitel bis zur Sohle, den Espresso-Becher in der Hand, der ganze Mensch hellwache, fröhliche Dynamik. Alle sollen das merken, denn der Bundestrainer hat eine Botschaft. Sie lautet: "Ich bin absolut entspannt." Er hat gute Laune, extrem gute Laune. Nicht mal die Pflichtübung einer kleinen Medienfragestunde kann ihn vom demonstrativen Strahl-Programm abbringen.
"Da freu' ich mich doch, dass mir alle ein Loch in den Bauch fragen", erklärt Löw. Sein Lächeln füllt einen Saal. Er nimmt die Sache in die Hand, noch bevor der deutschen Fußball-Nationalelf nach dem 0:0 im zweiten EM-Gruppenspiel gegen die Polen und vor dem entscheidenden Spiel gegen Nordirland eine mittlere Krise unterstellt werden kann. Davon will er nichts wissen. "Die Analyse war relativ klar", sagt der Bundestrainer, "und es ist offensichtlich, dass wir ein paar Themen angesprochen haben. Es sind verschiedene Punkte: Verteidigt haben wir als Mannschaft hervorragend. Aber wir haben kaum Chancen herausgespielt. Wir haben die Laufwege und die Investition in Laufwege vermissen lassen, klar."
Genau das hatte sein Abwehrchef Jérôme Boateng in einem seiner seltenen öffentlichen Anfälle von Unmut beklagt. Der Verteidiger ging sogar einen Schritt weiter. Sollte sich die Bewegungs-Armut im vorderen Drittel des Spiels fortsetzen, könne der Weltmeister sich sehr schnell auf dem harten Boden der fußballerischen Tatsachen wiederfinden. "Wenn wir das nicht verbessern, kommen wir hier nicht weit", mahnte Boateng.
Löw begrüßt die Mitteilsamkeit seines Spielers. "Ich fand es gut, dass er die Dinge sofort nach dem Spiel angesprochen hat", versichert der Coach, "ich habe ihm selbst gesagt, er soll sich stärker exponieren, er ist in der Mannschaft absolut respektiert und anerkannt". Boatengs Auftritt gibt dem Trainer auch das wesentliche Argument in einer Auseinandersetzung, die er eigentlich gar nicht führen will. Sein ehemaliger Kapitän Michael Ballack hat als Fernsehexperte in den USA festgestellt: "Diesem Team fehlt es an Persönlichkeiten und Charakteren." Löw nimmt das ganz lässig. "Mich überrascht gar nix mehr", sagt er, "das geht an mir vorbei. Diese Führungsspieler-Diskussion zaubert mir nur ein Lächeln ins Gesicht". Man kann es sehen. "Wir hatten die Diskussion schon in Brasilien, am Ende sind wir Weltmeister geworden und alle loben die Führungsspieler. Jetzt spielen wir einmal 0:0, dann kommt das Thema wieder. Da wäre ich als Außenstehender ganz ruhig."
Freunde werden Löw und sein ehemaliger (Führungs-)Spieler Ballack nicht mehr. Der Trainer zeigt auf Boateng, der offenkundig Führungsqualitäten nachgewiesen hat, wie sie deutlicher auch der Platzhirsch Ballack nicht hätte formulieren können. Und Löw beteuert, der gesamte Spielerrat mit Manuel Neuer, Boateng, Sami Khedira, Thomas Müller und Bastian Schweinsteiger bestehe aus "großartigen Führungsspielern". Damit es jeder hört, wiederholt er: "Die Mitarbeit ist großartig."
Aber die Angriffsarbeit nicht. Das ist das zweite Thema dieser fröhlichen Charmeoffensive am Sonntagmorgen in Evian-les-Bains. "Die Kritik vom Jérôme" - bei Löw klingt es wie "Scherohm" - "ist völlig zutreffend und realistisch. Wenn wir Chancen herausarbeiten wollen, brauchen wir die richtigen Laufwege, das richtige Tempo und schnelle Kombinationen". Das sei die Stärke der Mannschaft bei all ihren Erfolgen gewesen, urteilt Löw, "wir haben unsere Tormöglichkeiten herauskombiniert". Diese Qualität ist ein Ergebnis der Spielertypen, die sich in der Ära des deutschen Ballbesitzfußballs herausgebildet haben. Es sind Kombinationsspieler wie Mesut Özil und Mario Götze und Strategen wie Toni Kroos, die das Spiel prägen. Ihre Fähigkeit, Räume mit dem Passspiel zu öffnen, haben die DFB-Auswahl seit vielen Jahren in der Spitze etabliert. Weil sie aber immer häufiger mit extrem defensiven Gegnern zu tun hat, erkennt man auch ihr Defizit. Sie hat keine Dribbler, die den offensiven Zweikampf gewinnen. Auch diesen Nachteil hatte Boateng ausgemacht: "Wir gewinnen keine 1:1-Situationen." Für Löw ein kleines Dilemma, denn er kann sich ja keine Dribbler backen. Deshalb leitet er die Problemlösung weiter ans zuständige DFB-Dezernat Ausbildung und dessen Direktor Hansi Flick. "Da müssen wir in den nächsten Jahren mehr Wert darauf legen", fordert Löw.
In seinem Aufgebot entspricht am ehesten der 20-jährige Schalker Leroy Sané dem Spielertyp, der in den 1:1-Situationen offensive Lösungen finden könnte. Vielleicht darf er das gegen die Nordiren versuchen. Denn Löw sagt: "Veränderungen kann es durchaus geben, klar." Neue Zielsetzungen nicht. "Wir werden gegen Nordirland gewinnen, und wir werden die Gruppe gewinnen", versichert der Bundestrainer, "dann fahren wir zum Achtelfinale nach Lille. Einen anderen Weg kenne ich nicht". Natürlich lächelt er noch immer.

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