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Er kommt, wenn andere schlafen

Er kommt, wenn andere schlafen

Damit die Menschen im Hunsrück, in der Eifel und im Moseltal am Morgen ihre Zeitung auf dem Frühstückstisch haben, schwärmen nachts die TV-Boten aus. Thilo Weberstetter aus Trier ist einer von ihnen.

Nachts, wenn (fast) alles schläft, "dann geht für mich der Arbeitstag erst los", sagt Thilo Weberstetter. Der 33-jährige Trierer ist einer von 1300 Austrägern, die dafür sorgen, dass der TV pünktlich beim Abonnenten ankommt. Pünktlich heißt: spätestens um sechs Uhr. Für Weberstetter bedeutet das: fünf Stunden Zeit. Spätestens um 1 Uhr steht er neben der Zeitungsdruckerei am Verlagsstandort Hanns-Martin-Schleyer-Straße "auf der Matte", mit vielen anderen "Selbstabholer"-Kollegen. Um diese Zeit ist die Produktion der TV-Stadtausgabe in aller Regel abgeschlossen. Bis zu 800 Zeitungsexemplare nimmt Weberstetter in Empfang. Das ist eine Menge, im Durchschnitt trägt ein Zusteller um die 100 Ausgaben aus. Die TVs sind abgepackt in, je nach Umfang, Bündeln mit 30 bis 50 Stück; dazu kommen noch einige Dutzend Ausgaben überregionaler Blätter wie Welt, Zeit, Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine, Frankfurter Rundschau, Financial Times Deutschland und Handelsblatt, die ebenfalls per TV-Logistik zum Leser gelangen.

Den Großteil der Zeitungsladung, die er mit seinem Privatauto in Triers City auf die andere Moselseite befördert, hat Thilo Weberstetter ganz schnell "an den Mann" gebracht, oder besser gesagt an den Nachtpförtner. Unter anderem liefert er eine größere Menge an Trierer Krankenhäuser.

Der Rest - überwiegend Laufarbeit. Sein Stammbezirk liegt in der nordwestlichen Altstadt: "Anders als in Außenstadtteilen oder auf dem Land ohne Steigungen oder schwer zu erreichende Häuser." Dennoch eine gute Gelegenheit, sich sportlich zu betätigen, wie der Zeitungsbote eindrucksvoll demonstriert: "Für mich ist der Job tatsächlich eine Form von Gesundheitsförderung. Zeitungszustellung als Fitnessprogramm."

Strammen Schrittes bringt er von seinem Auto aus, das er "an strategisch günstigen Punkten parkt", die Zeitungen zu Postkästen, Briefschlitzen oder in Hausflure hinein: "Von größeren Wohnobjekten, in denen die Briefkästen nicht direkt von außen zu erreichen sind, habe ich einen Haustürschlüssel."

Das kommt Weberstetter auch bei seiner zweiten Tätigkeit für die TV-Logistik zugute. Denn aushilfsweise trägt er sogar Briefe aus. Sein Hauptjob allerdings ist die Zeitungszustellung: "Das mache ich richtig gerne, denn ich kann mein Tempo selbst bestimmen und bin mein eigener Herr", erklärt der aus Hessen stammende gelernte Kommunikationselektroniker, der seit seiner Bundeswehrzeit 1999 in der Moselstadt Trier lebt.

Auf den Zustelltouren gebe es "keinen Vorgesetzten, der sagt, dass 120 Prozent Arbeitsleistung immer noch nicht genug" seien. Für den staunenden Außenstehenden sieht Weberstetters Arbeitseinsatz eher nach 125 Prozent aus. Jeder Handgriff sitzt. In manchen Häusern steckt der Bote zielsicher acht Zeitungen in Briefkästen und ist wieder raus, ehe die Eingangstür von selbst sanft ins Schloss fällt. "Alles Routine!", relativiert der 33-Jährige. Nur noch in Vertretungsbezirken, die er zeitweise für urlaubende oder kranke Kollegen übernimmt, muss er gelegentlich auf die Zustellliste schauen. "Aber im Großen und Ganzen weiß ich auch dort nach wenigen Tagen auswendig, welche Zeitung wohin gehört und was zu beachten ist", sagt er.

Für Überraschungen sorgen allenfalls die Passanten - vorwiegend angeheiterte bis betrunkene Nachtschwärmer -, denen er auf seinen Touren begegnet: "Da warte ich seit Jahren immer noch drauf, dass ich endlich mal einen originellen Spruch zu hören bekomme. Meistens gibt es Kommentare wie ,Das ist aber keine Pizza, was sie da liefern'. Da hält sich der Unterhaltungswert in engen Grenzen."

Was bei manchen Witterungsverhältnissen ebenso der Fall ist. "Im vergangenen Winter gab es Nächte, die waren so bitterkalt, da glaubte ich, ich würde den TV nun sogar schon am Polarkreis austragen."

Wenn es nicht gerade stürmt oder wie aus Kübeln gießt, kommt Thilo Weberstetter zügig durch mit seiner Auslieferung. Auch wenn er Vertretungsbezirke mitmacht, haben alle von ihm betreuten Abonnenten bis spätestens sechs Uhr am Morgen ihre Zeitung im Kasten.

Wenn andere Arbeitnehmer aufstehen, geht der Bote erst einmal schlafen. Keine Probleme mit der Nachtarbeit und der damit verbundenen Umstellung des Lebensrhythmus? "Anfangs schon, aber man gewöhnt sich dran. Ich bin ein flexibler Mensch." Und Junggeselle. Weberstetters große Leidenschaft, das Tanzen ("Standard und lateinamerikanisch"), und die abendlichen Treffen mit Freunden - "alles kein Problem. Nur mit dem Unterschied, dass, abgesehen vom Wochenende, andere nach der Arbeit tanzen und ich vor der Arbeit." Und wenn die Mittänzerinnen und -tänzer ihren neuen Tag beginnen, haben sie längst die Zeitung im Kasten.

Roland Morgen


EXTRA
ZUSTELLER-JOB BEIM TV


5000 Kilometer legen die Autos des TV-Zustelldienstes pro Nacht auf ihren 38 Touren durch die Stadt Trier und die Kreise Trier-Saarburg, Bernkastel-Wittlich, den Eifelkreis Bitburg-Prüm und den Vulkaneifelkreis zurück. Wer Interesse an einem Zusteller- Job hat, kann sich an eines der TV-Service-Center wenden oder direkt an:
TV-Logistik
Stefan Nußbaum
Hanns-Martin-Schleyer-Str. 8
54294 Trier
oder www.TV-logistik.de

Besondere Voraussetzungen sind nicht mitzubringen außer den „Standards“: Frühaufsteher, Zuverlässigkeit und „Wetterfestigkeit“. Die Verdienstmöglichkeiten richten sich nach der Größe des Bezirks plus gegebenenfalls Wegegeld. Außerdem erhalten alleTV-Boten Urlaubs- und Weihnachtsgeld sowie täglich eine Freizeitung. (rm.)