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Bücher
Mörderische Geschichtslektion

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Die Leiche eines ärmlich gekleideten, abgemagerten und mit alten Wunden übersäten Mannes wird im Gartenschuppen eines Gymnasiums gefunden – gleich neben dem Cabaret des Bösen, einem Schauertheater, das von einem schrecklich im Gesicht entstellten Direktor geleitet wird.  Kurz vor dem Auffinden der Leiche wird der Hausmeister des Varietés von einer verwirrten, ebenfalls schlecht angezogenen jungen Frau angesprochen, die auf Russisch nach einem gewissen „Fjodor“ sucht. So weit die Ausgangslage des sechsten Falls der Leo-Wechsler-Krimireihe der 50-jährigen Autorin Susanne Goga, der sich als ziemlich verzwickt erweist. Doch halt: Der Roman spielt in Berlin, aber nicht etwa heutzutage, sondern im Januar des Jahres 1928.

Alle Kriminalfälle um Hauptkommissar Leo Wechsler und sein Team hat die in Mönchengladbach lebende Schriftstellerin und Übersetzerin Susanne Goga in ein äußerst akribisch recherchiertes historisches Umfeld eingebettet. Sie beschreibt kenntnisreich das Aufkommen des Nationalsozialismus in der Weimarer Republik, viele der in den Krimis agierenden Personen haben tatsächlich gelebt, so etwa Wechslers Chef bei der Berliner Mordkommission, Ernst Gennat, der durch die Erfindung des sogenannten „Mordautos“ Kultstatus erreichte. Eingebunden in die historische und gesellschaftliche Gesamtsituation sind immer auch die familiären Lebensbedingungen Kommissar Wechslers und seiner Kollegen, so etwa auch des jüdisch-stämmigen Jakob Sonnenschein. Diesmal schildert Goga am Beispiel von Leos Sohn Georg anschaulich das Werben der Nazis um den Eintritt der jungen Leute in die Hitlerjugend.

Die sechs Romane spielen jeweils in einem anderen Berliner Viertel. Sie sind alle in sich abgeschlossen, also unabhängig voneinander zu lesen und beleuchten immer einen anderen Aspekt des vielfältigen Lebens (und Sterbens) in der historischen Metropole. In „Nachts am Askanischen Platz“ geht es um die Welt der russischen Flüchtlinge im Berliner „Scheunenviertel“, die deutschen Gefangenen in Russland sowie das Leben der ostjüdischen Bewohner in der damaligen Spandauer Vorstadt. Ein informatives Nachwort mit bibliografischen Angaben und eine Liste der historischen Persönlichkeiten des Romans beschließen das Werk. Fazit: Ein wirklich spannender Krimi, der nicht nur wegen des Mordfalls, sondern auch aufgrund des historischen Hintergrunds zum Lesen anreizt. So lässt sich Geschichte gut und ansprechend vermitteln. ⇥⇥Jörg Lehn

Susanne Goga, Nachts am Askanischen Platz. Ein Fall für Leo Wechsler. Kriminalroman, dtv, 320 Seiten, München 2018, 10,95 Euro.