Sonderausstellung zum Thema Karneval im Stadtmuseum Simeonstift

Karneval : Jecke Zeiten: Ein Museum steht kopf

Die einen können den 11.11. kaum erwarten, die anderen flüchten bei dem Gedanken an Pappnasen, Konfetti und Narhallamarsch. Dennoch: Karneval, Fastnacht oder Fasching – er ist ein fester Bestandteil unserer Kultur, von dem wir heute noch viel lernen können. Dies zeigt die neue Sonderausstellung „Die Welt steht Kopf“, die ab 10. November im Stadtmuseum Simeonstift zu sehen ist.

Hand aufs Herz, liebe Volksfreund-Leser: Wer von Ihnen ist mutig? Wer nimmt nicht alles allzu ernst, lässt auch mal einen Witz auf eigene Kosten zu? Wer macht sich schon mal zum Affen, ohne dies gleich persönlich zu nehmen oder anderen gegenüber persönlich zu werden? Wer traut sich was? In der Theorie wohl jeder.

Genau dies hat der Jurist Sebastian Brant bereits 1494 in seiner Schrift „Das Narrenschiff“ zusammengetragen: eine Moralsatire, die den Zeitgenossen vor mehr als 500 Jahren unterhaltsam den Spiegel vorhält und Eigenheiten und Laster aufs Korn nimmt – der Vorläufer unseres politischen Karnevals also und gemeinsam mit dem Zunfttreiben des Mittelalters und christlichen Traditionen wie dem „Bischof der Narren“ der Ursprung von Karneval, Fastnacht und Fasching, wie die tollen Tagen je nach Region genannt werden.

Auch heute noch fahren die Narrenschiffe durch die Lande, eher auffallend als humorfreie Gelage mit viel Lärm, Müll und Alkohol, so dass nicht wenige inzwischen dem Treiben den Rücken gekehrt haben oder davor flüchten. „Dabei hat der Karneval uns viel mehr zu sagen: Er ist ein Zeichen der Stadt- und Zeitgeschichte, ein Barometer für die Kritikfähigkeit einer Gesellschaft, zeigt das Engagement der Bürger und hat auch karitative Aufgaben“, sagt Dorothée Henschel. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin im Stadtmuseum Simeonstift hat gemeinsam mit der Trierer Historikerin Jutta Albrecht die neue Sonderausstellung „Die Welt steht Kopf. Eine Kulturgeschichte des Karnevals“ kuratiert und dabei eines festgestellt: „Ohne die Mitarbeit der Trierer Vereine hätten wir viele Ausstellungsstücke wie Insignien, Standarten, Orden, Uniformen, Requisiten und Kostüme nicht zusammenbekommen“, sagt Henschel. Ihnen gebühre deshalb auch ein großer Teil der Ausstellung.

Und in der Tat haben die 17 in der Arbeitsgemeinschaft Trierer Karneval (ATK) aktiven Vereine ihre Archive und Fundgruben durchstöbert und Erstaunliches zur Ausstellung beigesteuert: Vom aktuellen Wupptus und der vor einigen Jahren aufgekommenen Diskussion um die traditionelle Fastnachtsbeerdigung in der KG Trier-Süd bis hin zu den jährlichen Grußpostkarten der KG Heuschreck zu aktuellen Anlässen wie der Eingemeindung Trierer Stadtteile in den 1930er Jahren oder dem Bau der Straßenbahn zeigen mehr als 200 Ausstellungsstücke den Karneval als Begleiter des Stadtgeschehens, aber auch als Phänomen in Kunst und Gesellschaft.

Neben Gemälden und Textilien aus Museen und von Privatsammlungen gibt es Medien- und Mitmachstationen, an denen man auch sein Talent als Büttenredner versuchen kann.

Zwar wurde bereits in der Antike ab und an die Hierarchie auf den Kopf gestellt, wenn zu festen Zeiten Herren ihre Sklaven bedienten und es Festspiele wie die Saturnalien gab. Doch der Ursprung unseres heutigen, rheinisch geprägten Karnevals liegt – mit Ausnahme wohl des Schärensprungs in Trier-Biewer – im Mittelalter, als vor Beginn der 40-tägigen Fastenzeit Narrenpäpste gekrönt und Mysterienspiele aufgeführt wurden. Ein Trierer Kupferstich von 1841 zeigt gar „geistliche Maskeraden“ kirchlicher Würdenträger, ein Statutenbuch aus der Trierer Stadtbibliothek eine „Fastnachtsverordnung“ von 1590.

Nach der Französischen Revolution und dem Abzug der Franzosen aus dem Rheinland und dann auch aus Trier kommt einerseits der bürgerliche Karneval mit prächtigen Bällen und aufwendigen Kostümen auf. Andererseits wird das jecke Treiben aber auch organisierter mit der Gründung des Festkomitees Kölner Karneval 1823 und der Entstehung von Garden, dem Held Carneval und der Jungfrau Colonia.

In Trier entsteht im Revolutionsjahr 1848 mit der KG Heuschreck der erste närrische Verein mit Zigarettenfabrikant Andreas Tont als erstem Prinzen.

„In Trier war der Karneval gleich politischer, und Tont war als Revolutionär und aktiver Barrikadenbauer sogar steckbrieflich gesucht“, sagt Dorothée Henschel. Trier habe als antipreußisches Zentrum der katholischen Oberschicht gegolten.

Politisch bleibt der Karneval auch danach, allerdings mal versteckt und subversiv, mal platt und arrogant. Der gebürtige Luxemburger Louis Scheuer etwa gründet 1893 in Trier eine Handelsschule, sein Herz gehört jedoch Schau- und Singspielen, Revuen sowie geschliffen formulierten Gedichten. Im Ersten Weltkrieg wird seine „Juxquelle“ sogar an Trierer Soldaten verschickt. Doch Scheuer war den Nazis als Jude ein Dorn im Auge, er wird aus dem deutschen Kulturkreis ausgeschlossen und entkommt nur knapp der Deportation.

Die Nazis ihrerseits wissen den Karneval schnell für sich zu gewinnen, ein völkisch motiviertes Zusammentreffen vieler Menschen bei Gesang und Verkündung rassistischer Propaganda kommt ihnen gerade recht. Auch in Trier. So gibt es mit Adolf Hägin einen Karnevalsprinzen mit NSDAP-Parteibuch, der auch beruflich als Kaufmann von der Arisierung profitiert. Aus dem spöttisch genannten „1000-jährigen Reich Karneval“ wird nichts, allerdings sitzen viele NS-Größen auch nach dem Krieg noch in den Vereinsvorständen. „Erst in den 1970er Jahren gibt es vom Bund Deutscher Karneval (BDK) eine erste offizielle historische Aufarbeitung“, sagt Kuratorin Henschel.

Heute ist das närrische Treiben vielschichtig, getreu dem Motto: „Jeder Jeck ist anders.“ Ob vereinsmäßig organisiert, karitativ, inklusiv oder interkulturell, als Kleinkind oder Greis, auf Straßen, im Fußballstadion oder gar im Trierer Clarissinnen-Kloster, das eigentlich einem Schweigegelübde unterlag: Jeder darf nach seiner Fasson lustig sein. Allein der BDK zählt 2,6 Millionen Mitglieder in mehr als 5300 Vereinen, in Köln wird im Karneval jährlich ein Umsatz von 460 Millionen Euro erwirtschaftet. „Ob Karnevalsgegner oder leidenschaftlicher Narr: Es gibt auch ein Dazwischen, und das ist nicht nur in der Geschichte verankert, ein Verkleiden und Närrischsein passt auch zur Gesellschaft“, sagt Dorothée Henschel, die bereits selbst im Trierer Rosenmontagsumzug mitgegangen ist.

Triers ältester Karnevalverein ist die KG Heuschreck, gegründet im Revolutionsjahr 1848. In der Ausstellung sind Originalorden ab dem Jahr 1853 zu sehen. Foto: Sabine Schwadorf
Im 19. Jahrhundert orientierte man sich im Karneval an der italienischen Comedia del‘Arte mit aufwendigen Ballkleidern; Figuren wie der Harlekin, der Pierrot und die Herzdame kommen auf. Foto: Sabine Schwadorf

Und kommen wir noch mal zur Anfangsfrage zurück: Wer wirklich wissen will, ob er mutig und beherzt ist, ob er den Narr in sich erkennt und karnevalstauglich ist, kann sich am Ende der Ausstellung selbst prüfen ... Darauf ein dreifach donnerndes Helau, Alaaf, Helei, Maju und Halaudi!

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