Ein Oberst schießt quer

Mit einer gewonnenen juristischen Attacke hat der vor drei Jahren unfreiwillig entthronte damalige Chef der luxemburgischen Armee den amtierenden Verteidigungsminister in die Bredouille gebracht. Während der Oberst seinen Sieg genießt, bereitet der Minister den Gegenangriff vor. Ein Ersatzmann befehligt derweil die Truppe.

Diekirch. Glaubt man luxemburgischen Medien, erfuhr Colonel Nico Ries von seiner bevorstehenden Entthronung als Generalstabschef ausgerechnet am Festtag der Armee Anfang November 2007. Nach der traditionellen Parade auf dem Diekircher Herrenberg soll der damalige Verteidigungsminister Jean-Louis Schiltz seinen Armeechef zwischen zwei Gängen beim Gala-Diner diskret beiseite gebeten und vor vollendete Tatsachen gestellt haben: Die bevorstehende Reform der Armee, so der Minister, finde ohne Nico Ries statt. Der Oberst solle sich stattdessen künftig im Ministerium um die Planung internationaler Einsätze kümmern.

Ries war von der Versetzungsorder seines Ministers angeblich so überrascht, dass es ihm glatt den Appetit aufs noch ausstehende Dessert verschlagen haben soll. Er räumte danach zwar wie befohlen seinen Stuhl als luxemburgischer Generalstabschef. Aber kampflos geschlagen geben wollte sich der hochrangige Militär dennoch nicht: Ries hatte gemäß einer alten Volksweisheit zwar eine Schlacht verloren, aber noch nicht den Krieg.

Im Frühjahr 2008 klagte der Oberst zunächst beim luxemburgischen Verwaltungsgericht gegen seine Versetzung. Erfolglos. Die Richter wiesen die Klage ab. Nico Ries zog daraufhin vors Verfassungsgericht des Großherzogtums. Und hier bekam der ehemalige Armeechef im Oktober vergangenen Jahres zumindest teilweise recht. Ries' Abberufung sei unrechtmäßig gewesen und müsse rückgängig gemacht werden, urteilten die Richter. Der Oberst triumphierte. Doch sein ehemaliger Chefsessel im Generalstab war natürlich längst neu besetzt - mit Gaston Reinig. Einen Wechsel an der Spitze gab es zwischenzeitlich auch im zuständigen Ministerium: Der christsoziale Jean-Marie Halsdorf hatte seinen Parteifreund Jean-Louis Schiltz als Verteidigungsminister beerbt.

An der Entscheidung seines Vorgängers wollte aber auch der Nachfolger nicht rütteln. Der vor Gericht unterlegene Minister unterbreitete dem siegreichen Oberst daher Anfang dieser Woche zwei Vorschläge, um den längst peinlichen Vorgang möglichst geräuschlos und schnell zu beenden. Einer der Vorschläge: Ries sollte für kurze Zeit wieder als luxemburgischer Armeechef eingesetzt werden, um den 57-Jährigen nach einigen Wochen abermals abzuberufen und in den wohlverdienten Ruhestand zu schicken. Als Bonbon versprach der Minister dem Militär noch eine Beförderung zum General und eine schöne Parade zum Abschied.

Da hatte Jean-Marie Halsdorf die Rechnung aber ohne den stolzen Oberst gemacht: Nico Ries lehnte die Kurzzeit-Inthronisation ab, pisackte den Minister in einem Interview sogar noch mit den Worten: "Wenn das alles nicht passiert wäre, wäre ich wohl längst freiwillig in den Ruhestand getreten."

Damit ist die neue Gefechtslage für den Armeeminister wieder die alte: Jean-Marie Halsdorf muss irgendwie dafür sorgen, dass er die längst zur Militärposse avancierte Affäre vom Tisch bekommt. Die Frage ist nur: Wie? Wahrscheinlich ist, dass die letztlich in die Hose gegangene Versetzungsprozedur in Kürze noch einmal wiederholt werden wird. Und zwar so, dass sie rechtlich nicht mehr angreifbar ist. Bis die Juristen den neuen Plan ausgetüftelt haben, hat der Armeeminister den alten und den neuen Generalstabschef beurlaubt; die rund 800 Soldaten starke luxemburgische Truppe kommandiert derweil der Generalstabsvize.

Und Nico Ries? Der Oberst sammelt bereits Kräfte für ein möglicherweise neues juristisches Gefecht. "Ich fühle mich wieder am Ausgangspunkt angelangt", sagte er am Donnerstag in einem Interview.

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